Von Hoimar v. Ditfurtfi

Wer sich vor Phrasen nicht fürchtet, mag getrost von einem Markstein sprechen: Ernest Jones, der letzte Überlebende – er starb erst 1958 – jenes Sechs-Männer-Komitees, das etwa von 1913 an als eine Art geistiger Leibwache über die Linientreue der Schüler Freuds, über die Reinheit der Lehre wachte, legt eine Biographie seines Meisters vor. Von der dreibändigen englischen Originalausgabe ist jetzt zunächst der erste Band in deutscher Übersetzung erschienen –

Ernest Jones: „Das Leben und Werk von Sigmund Freud“, Band I: Die Entwicklung der Persönlichkeit und die großen Entdeckungen, 1856 – 1900, übersetzt von Katherine Jones; Hans Huber Verlag, Bern; 466 S., 35,– DM.

Über das, was Freud träumte, sind wir durch die von ihm veröffentlichten Analysen weitaus besser informiert als über das, was er in wachem Zustand tat und dachte. Er vernichtete bereits mit 28 Jahren erstmals – das gleiche wiederholte sich später – alle seine persönlichen Notizen, Tagebücher und Unterlagen, als ihm die Möglichkeit aufging, daß die Besonderheit seines Lebens diese Unterlagen zu „Quellenmaterial“ für spätere Biographen werden lassen könnte.

So hätte auch die vorliegende Biographie die Billigung der Hauptperson nicht gefunden, die in so ungewöhnlichem Maße den Gedanken scheute, ihre private Sphäre vor den Augen der Mit- und Nachwelt ausgebreitet zu wissen.

Die Gründlichkeit, mit welcher sich Jones über diesen Wunsch seines Meisters, dessen Mitarbeiter und engster Freund er jahrzehntelang war, hinwegzusetzen gezwungen sieht, erklärt er mit dem Anspruch der Nachwelt auf genaue Information über einen Menschen, der mehr ist als ein gewohnlicher Sterblicher.

Niemand wagt zu widersprechen.