Nach der Hauptversammlung der Farbwerke Hoechst AG, die am 11. Mai 1960 stattfinden wird, stehen viele Tausend Hoechster Aktionäre vor der Frage: Sollen wir die jungen Aktien, deren Bezug uns zum Kurs von 250 v. H. im Verhältnis 2:1 angeboten wird, übernehmen? Oder ist es nicht besser, das Bezugsrecht zu verkaufen? Schon heute läßt sich erkennen, daß die Masse der Hoechster Aktionäre von ihrem Recht, junge Aktien zu kaufen, Gebrauch machen wird. Also sind Schwierigkeiten beim Handel mit den Bezugsrechten kaum zu befürchten. Um so weniger natürlich, wenn die freundliche Tendenz bei den IG-Farben-Nachfolgern anhalten wird.

Die Kurse der IG-Farben-Nachfolger (BASF, Bayer, Hoechst) sind in den letzten Wochen kräftig gestiegen. Sie haben wieder einmal einen Höchststand erreicht. Wenn in einem solchen Augenblick die Farbwerke Hoechst neues Geld von ihren Aktionären haben wollen, dann ist die Frage berechtigt, inwieweit junge Hoechster Aktien noch eine günstige Kapitalanlage darstellen. Aus früheren Gesprächen wissen Sie, meine verehrten Leser, daß in jedem Falle zunächst einmal dieses Problem geprüft werden muß. Und zwar unabhängig davon, ob die angekündigte Kapitalerhöhung zu „günstigen Bedingungen“ erfolgt oder nicht. Kommt man nämlich zu der Auffassung, daß der Kurs einer Gesellschaft, die ihr Kapital erhöht, zu hoch ist, dann ist jeder Hundertmarkschein dort eine Fehlinvestition. Wer konsequent ist, müßte sich sogar – unabhängig von der Frage der Kapitalerhöhung – von sämtlichen Aktien der betreffenden Gesellschaft trennen.

Wer also fragt, ob der Bezug von jungen Hoechster Aktien günstig ist oder nicht, wird zunächst einmal die Berechtigung des Kurses von rund 600 v. H. zu prüfen haben. Machen wir das vorerst einmal rein rechnerisch: Wie setzt sich der Kurs zusammen?

Kurs der Hoechster Aktie etwa 600 v. H. darin sind enthalten die Dividende für 1959 von 16 v. H.

ein rechnerischer Bezugsrechtwert von etwa 31 v.H.

Der Kurs der Aktie würde sich also nach der Dividendenzahlung für 1959 und nach Abzug des Bezugsrechtes auf etwa 553 v. H. stellen. Legen wir zugrunde, daß die Gesellschaft auch für 1960 wieder eine Dividende von 16 v. H. zahlen wird – und daran dürfte kaum jemand zweifeln –, dann läßt sich eine Effektiv-Rendite von rund 2,9 v. H. errechnen. Das ist für deutsche Spitzenwerte ein durchaus akzeptables Ergebnis. Natürlich gibt es Papiere mit einer höheren Rendite, aber kaum, solche mit dem gleich hohen internationalen Ansehen. Von dieser Seite bestehen also keine Bedenken.

Nun darf man als Börsianer aber die IG-Farben-Nachfolger heute nicht mehr allein aus dem deutschen Blickwinkel sehen. In den letzten Jahren sind große Aktienposten dieser Gesellschaften ins Ausland, namentlich in die USA, gegangen. Die amerikanischen Anleger stellen natürlich internationale Vergleiche an. Aber auch ihr Ergebnis spricht nicht gegen die Kurshöhle.