London, Anfang Mai

Die britische Regierung hat sich dazu entschließen müssen, die vor fünf Wochen anläßlich der Budgetvorlage vage angedrohten Dämpfungsmaßnahmen nun tatsächlich zu ergreifen. War das Geld im Januar, durch eine Diskonterhöhung von 4 auf 5 v. H., kräftig verteuert worden, so wird es nun auch noch verknappt, und zwar sowohl über die erneute Beschränkung der Abzahlungsgeschäfte wie auch über einen direkten Zugriff auf die Bankenliquidität.

Londons Clearing-Banken sind aufgefordert worden, ab 15. Juni 1 v. H. ihrer rund 7 Mrd. Pfund betragenden Bruttoeinlagen auf unbestimmte Zeit hinaus beim Noteninstitut zu hinterlegen. Erstmals bedienen sich die britischen Währungsbehörden damit des vor zwei Jahren als neue Form der Kreditkontrolle geschaffenen Instruments der „Sonderdeposition“.

Die Einwilligung in diese neue monetäre Technik war den Banken im Sommer 1958 abgerungen worden. Zweifel an der Zweckmäßigkeit des Systems der Sonderdepositen äußerte seither der Radcliff-Bericht. Nachdem die traditionellen Instrumente der Kreditpolitik (Diskont- und Offenmarktoperation) sich bei Inflationsgefahr wiederholt als unzulänglich erwiesen haben, wäre den Behörden als alternative Möglichkeit einer Einflußnahme auf die Kredite aber nur die verblieben, dem Bankensystem wieder Rationierungs-Verpflichtungen aufzuerlegen. Obwohl die City eine weitere Diskonterhöhung vorgezogen hätte, gibt man sich daher zufrieden. Wenn sich Unbehagen fühlbar machte, dann wegen der Ungewißheit, ob nun tatsächlich schon alles getan ist, was die Konjunkturlage an bremsenden Eingriffen erfordert.

In der Tat hatte man meist drastischere Interventionen (2 statt 1 v. H.) erwartet. Die dem Kundenkreditgeschäft gesetzten Mindestbedingungen gehen kaum über das hinaus, was von seriösen Finanzhäusern längst praktiziert wird. Und wenn die gegenwärtige Liquiditätsrate einiger Clearing-Banken das konventionelle Minimum von 30 v. H. nur wenig übersteigt, so verbleiben bis zum Stichtag doch noch sechs Wochen.

An der Börse scheint sich daher das Gefühl breitzumachen, daß man überaus glimpflich davonkommen würde, falls das Bemühen um die Absicherung der Zahlungsbilanz nicht schon bald ein weiteres Anziehen der Kreditschraube erfordern sollte. Gewiß zielt die Regierung nicht darauf ab, die Segel der industriellen Expansion zu streichen. Der Trend wird unverändert nach oben weisen, mit ihm einstweilen auch die Unternehmensgewinne und Dividenden. Obschon die Kurse im Mittel um 10. v. H. unter ihren Spitzen liegen, diskontieren sie das künftige Wachstum aber doch noch immer recht großzügig.

Zur Liquiditätsvorliebe mag der Investor um so mehr neigen, als Wall Street in betont schwacher Verfassung verkehrt. Wer seine Dispositionen auf Indexsystem abstellt, für den ist die Börse in London wie in New York ohnehin in eine langfristige Abschwungphase übergewechselt. Die Entwicklung des Wertpapiergeschäft wird während der nächsten zwei oder drei Wochen mit größter Aufmerksamkeit und einer gewissen Besorgnis verfolgt werden. Robert Niehaus