Die Kollektivierung geht nicht so schnell wie geplant

Berlin, Anfang Mai

Nachdem in der Sowjetzone die Phrasen, Losungen und Verpflichtungen zum 1. Mai, dem „Kampftag aller Werktätigen“ abgewischt sind, geht es weiter im Alltag der „Entwicklung des Sozialismus“. Als einer der letzten Steine im Gebäude der sozialistischen Planökonomie soll das Handwerk eingefügt werden. Termin zur Vollzugsmeldung war ursprünglich der 9. August – ein wahrhaft beziehungsreiches Datum, denn zehn Jahre zuvor, am 9. August 1950, war das „Gesetz zur Förderung des Handwerks“ veröffentlicht worden. Die SED, ermuntert durch den Blitzsieg über die Einzelbauern, hatte sich sogar schon auf die vorfristige Erfüllung ihres Vorhabens eingerichtet. Vorerst ist es jedoch beim Projektieren geblieben. Noch hat kein Kreis oder Bezirk gemeldet, daß in seinem Gebiet alle Handwerksbetriebe zu Produktionsgenossenschaften des Handwerks, zu den sogenannten PGH, zusammengeschlossen worden sind.

Der Sozialisierungsaktivist Karl Mewis, SED-Chef im Bezirk Rostock, des ersten Bezirks, dessen Landwirtschaft vollgenossenschaftlich organisiert war, hat sogar in seinem Parteilokalblatt mit gespielter Entrüstung verkünden lassen, es habe „leider Mitglieder verschiedener Parteien und Mitarbeiter der Staatsorgane gegeben, die glaubten, man könne das Tempo aus der Landwirtschaft auf die Entwicklung der Handwerker und Gewerbetreibenden übertragen“.

Nun ist es sicher nicht die Art der auf den Mittelstand angesetzten Blockparteien, der NDP, der LDP und der CDU, mit Sozialisierungsaktionen vorzuprellen, wenn sie nicht von der allmächtigen Regierungspartei dazu vergattert worden sind. Der Tadel des SED-Funktionärs Mewis hat andere Gründe. Die SED hat erkannt, daß die Handwerker sich nicht so leicht „werben“ lassen wie die Bauern. Sie sind beweglicher, und wenn sie auch wenig Produktionsmittel in der Hand haben, so verfügen sie doch über jene in der Sowjetzone so rare Arbeitskraft, ohne deren Ausnutzung der ganze bombastische Plan der „tausend kleinen Dinge“ ins Wanken kommt.

Überdies dürfte es schwer sein, in der Sowjetzone auch nur eine PGH zu finden, die – abgesehen von dem ideologischen Wert ihrer Existenz – beweisen könnte, daß sie sinnvoller und nutzbringender für die Kundschaft arbeitet als die Einzelhandwerker alter Art.

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