Armes Publikum! Was soll es im Theater noci zu finden hoffen, wenn die toten Dichter der magischen Substanz ihres Wortes beraubt werden (weil ein Regisseur sich dadurch in den Hintergrund gedrückt fühlte) und das Wort der lebenden Dichter nichts Besseres mehr zu künden weiß, als: daß das Dasein eben ist, wie es ist?

Im Münchener Residenztheater versuchte Werner Düggelin mit Erfolg, zu zeigen, was aus den Wilhelm-Tell-Stoff hätte werden können, wenn er nicht einem Dichter, sondern einem gewöhnlichen Stücke-Zuschneider in die Hände gefallen wäre. Er hatte alles gestrichen, was irgend hätte daran erinnern können, wer Schiller war. Was von dem entschillerten Schiller übrigblieb, war: die Freiheitsphrase als Bühneneffekt.

Auch Jean-Paul Sartre hat es ja mit der Freiheit. Und auch bei ihm ist sie eine Phrase. Das liegt an der Unlogik jener Kaffeehausvariante der Existenzphilosophie. Es soll keinen Richter und kein Schicksal geben – und dennoch ist von Schuld und sogar von Verantwortung die Rede. Aber der Mensch soll auch wieder nichts bedeuten, nichts sein als „was er tut“. Da ist die Verantwortung gegenstandslos.

„Die Eingeschlossenen“ („Les Séquestrés d’Altona“) vegetieren unter dem Druck der Fesseln, die ihren Verhaltensmöglichkeiten angelegt sind, dahin.

Alle dramatis personae sind in diesem Stück „Eingeschlossene“ im doppelten Sinne: der älteste Sohn des Hauses, den die Familie verbergen muß, weil ihm sonst das Gericht sicher wäre; der Vater, der, selber so etwas wie ein bürgerlich-ehrbarer er Verbrecher des immer „vernünftigen“ Verhaltens, die Schicksalsüberlistung gemanagt hat; die Tochter, die den Bruder „liebt, wie er ist“, bis zum Inzest; der jüngere Sohn, dem als Erbe die weitere Obhut über den Eingeschlossenen zufallen soll, wenn der krebskranke Vater gestorben sein wird; die Schwiegertochter, die bereit wäre, den Eingeschlossenen (ihren Schwager) zu lieben. Sie alle sind außerdem „eingeschlossen“ in das öde alte Prachthaus der reichen Reederfamilie, und eingeschlossen in ein schier unentwirrbares Netz von Situationszwang, Lüge und Verlogenheit.

Auf den deutschen Zuschauer wirkt das Schauspiel wie die unbegreifliche Apologie einer sehr bekannten Epoche. Man sagt, der Autor habe es auf aktuellere Anlässe gemünzt. Es solle vielleicht gar eine Art „Warnung“ sein. Das könnte es indessen nur, wenn ein wenig mehr sittliche Kräfte darin sichtbar würden.

Die deutsche Erstaufführung in den Münchener Kammerspielen (unter August Everdings sinnvoller Regieführung, mit Peter Lühr, Peter Mosbacher, Romuald Pekny, Hanne Hiob und Anaid Iplicjian in den Hauptrollen) war eine Meisterleistung des Theaters. A – th

(Das Stück, nach der Münchener Aufführung von Piscator in Essen inszeniert, wandert jetzt über viele deutsche Bühnen. Es soll uns demnächst Anlaß geben zu einem umfassenden Aufsatz über den Dramatiker Jean-Paul Sartre.)