Die August Thyssen-Hütte AG hat ihren bei der Hohen Behörde in Luxemburg gestellten Antrag auf Übernahme der Aktienmehrheit der Phoenix-Rheinrohr AG zurückgezogen. Damit hat die Thyssenhütte ihr Lieblingsprojekt zwar aus eigener Initiative fallengelassen, aber der Verzicht auf die Wiederzusammenführung der Thyssen-Unternehmen kommt einem freiwilligen Zwang gleich, denn er war die zum Schluß einzig noch mögliche Reaktion auf die unannehmbaren Bedingungen, die Luxemburg glaubte, an diesen Zusammenschluß, der nebenbei auch die uneingeschränkte Unterstützung der Bundesregierung gefunden hatte, knüpfen zu müssen.

Genau 1 1/2 Jahre hat der Antrag der Thyssenhütte in den Büros der Hohen Behörde gelegen, und in diesen 1 1/2 Jahren ist, besonders in den letzten Monaten, eine schrittweise Verschärfung der von Luxemburg geforderten Auflagen zu beobachten gewesen, die schließlich die Grenze des Zumutbaren gesprengt hat.

Die Anerkennung der Auflagen hätte nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als daß sich die August Thyssen-Hütte von ihrer Beteiligung an der Hüttenwerke Siegerland AG völlig getrennt hätte, daß sie ihre Beteiligung an der Stahl- und Walzwerke Rasselstein auf eine bloße Sperminoriät reduziert und dabei gleichzeitig den bestehenden Liefervertrag für Warmbreitband mengen- und zeitmäßig beschränkt hätte. Ferner sollte auch Phoenix-Rheinrohr seine Handelsunion-Beteiligung aufgeben. Vor allem aber hat die Hohe Behörde sich nicht gescheut, und allein damit hat sie das Faß zum Überlaufen gebracht, eine zunächst auf drei Jahre befristete, dann aber möglicherweise zu verlängernde Investitionskontrolle für alle Investitionen im Thyssen-Bereich, die 5 Mill. Dollar überschreiten, zu fordern. Ein – unserer Meinung nach schon zu weit gehender – Kompromißvorschlag der Thyssen-Verwaltung, wonach sich das Unternehmen einem freiwilligen Investitionsstopp auf zwei Jahre unterwerfen wollte, hatte in Luxemburg keinen Erfolg. Damit aber war der Rubikon überschritten.

Der Vorstandsvorsitzende der Thyssenhütte, Dr. Hans-Günther Sohl, brachte zur Erläuterung dieses schwerwiegenden Schrittes mit Recht seine Erleichterung darüber zum Ausdruck, daß das Unternehmen nunmehr seine Handlungsfreiheit uneingeschränkt zurückerhalten hat. Die Thyssenhütte wird ihre Beteiligungen behalten, wird selbstverständlich weiter investieren und ihrer eigenen unternehmerischen Konzeption wie bisher folgen können. Daß die Ehe mit Phoenix-Rheinrohr nun nicht geschlossen wird, jedenfalls nicht in der zunächst beabsichtigten Form, ist bedauerlich. Aber da beide Unternehmen ihre Lebensfähigkeit durchaus schon unter Beweis gestellt haben, ist diese Seite des Falles Thyssen noch nicht einmal die wesentlichste. Für eine unternehmerische Zusammenarbeit innerhalb der ganzen Thyssen-Gruppe werden vermutlich – Sohl deutete das bereits an – neue Wege gefunden werden, die mit dem Montanvertrag vereinbar sind und die denoch die Hohe Behörde vielleicht überraschen werden.

Viel wichtiger aber ist, daß der Gang der Verhandlungen in Luxemburg einen Blick in die Kulissen unserer kleineuropäischen Wirklichkeit gestattet hat, der alles andere als ermutigend ist. Es ist kein Zufall, daß sich die Chancen für den beantragten Zusammenschluß erst verschlechterten, als im Herbst des vergangenen Jahres – nachdem Luxemburg bereits ein Jahr mit der Prüfung des Antrages befaßt war – drei französische und ein niederländischer Abgeordneter des Europa-Parlamentes aus politischen Gründen gegen die „Machtkonzentration an der Ruhr“ intervenierten. Vermutlich ist es auch kein Zufall, daß sich die Hohe Behörde erst daraufhin mit ständig schärfer werdenden Auflagen um die Formulierung des allein entscheidenden Kriteriums der „Marktbeherrschung“ herumgedrückt hat. Es wurde heute verworfen, was gestern noch als verbindlich gegolten hatte.

Die Thyssen-Unternehmen haben auf ihre Wiederzusammenführung verzichten müssen: sie; werden den Verzicht vorerst verwinden. Die? Hohe Behörde aber hat etwas eingebüßt, was sie nicht so ohne weiteres wird verschmerzen können: die Legitimation, die ihr allein der Montanvertrag und sonst nichts und niemand verleiht.

Ingrid Neumann