Der Streit um die Selbstbeteiligung droht die Krankenkassenreform langsam, aber sicher matt zu setzen. Leider brauchen wir dennoch eine Reform, um die wachsenden Kassenbeiträge zu stoppen und jedem Patienten vor Augen zu führen, daß Kranksein in der Tat etwas kostet. Nachdem das deutsche Rezept, made by Blank, auf wenig Gegenliebe gestoßen ist, haben nun die Bonner Sozialpolitiker den Blick aufs Ausland gerichtet.

Im Laufe der letzten Wochen hatte die größte schweizerische Krankenversicherung, die im Umfang etwa der Hamburger Ortskrankenkasse gleichende „Helvetia“ in Zürich, zweimal deutsche Gäste im Haus. Bei den ersten handelte es sich um Bundestagsabgeordnete. Bei den zweiten um Journalisten. Beide Gruppen studierten das System, nach dem der Schweizer Durchschnittsbürger, Herr Küderli, seinen Obolus zu Arzt- und Arzneikosten entrichtet. Im Versicherungsdeutsch heißt das „Kostendeckungssystem“. Es wird bei uns vor allem vom Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund) empfohlen.

Herr Küderli hält nämlich nichts davon, in den großen Topf seiner Krankenkasse allmonatlich einen hohen Grundbeitrag zu zahlen und sich hinterher darüber zu ärgern, daß der Nachbar zuweilen auf anderer Leute Kosten einen „blauen Montag“ macht. Herr Küderli entrichtet also einen verhältnismäßig niedrigen Beitrag und greift dafür selbst in die Tasche, sobald er krank wird:

1. Er holt sich allmonatlich oder – je nachdem, wie es seine Kasse gerade handhabt – von Krankheitsfall zu Krankheitsfall einen Krankenschein zu einer Gebühr von rund zwei Franken (etwa 2 DM) und entrichtet

2. im Anschluß an die Behandlung seiner Kasse, die den Arzt bezahlt, 15 bis 25 Prozent der Arzt- und Arzneikosten.

Untersuchen wir, wem dies nutzt oder wem dies schadet.

Da ist zunächst Herr Küderli selbst, der Versicherte. Er zahlt niedrige Beiträge, und das freut ihn. Da es in der Schweiz keinen Arbeitgeberanteil in der Krankenversicherung gibt, hat Herr Küderli auch nicht das Gefühl, durch seine Selbstbeteiligung würde er unbillig zugunsten seines Brotherrn belastet, der dann um so weniger zu zahlen brauche. Herr Küderli geht samt Frau und Kindern trotz Selbstbeteiligung zum Arzt, wenn es ihm notwendig erscheint. Man hat in der Schweiz bislang noch nicht festgestellt, daß aus Angst vor der Selbstbeteiligung ein angebrachter Arztbesuch verzögert und eine Krankheit verschleppt worden wäre – wie man es bei uns von Tag zu Tag behauptet, um die Selbstbeteiligung suspekt zu machen.