Von Marion Gräfin Dönhoff

Als der Ministerpräsident Nigerias Sir Abubaker Tapwa Balewa vor ein paar Tagen im Parlament in Lagos verkündete, daß die Armee vergrößert werde und erwogen würde, vielleicht sogar eine Luftwaffe auszubauen, erhielt er stürmischen Beifall.

Schade, daß denen am Vorabend ihrer Selbständigkeit nichts Besseres einfällt, als Geld für die Militarisierung auszugeben – ausgerechnet so ein unterentwickeltes Gebiet... So mag mancher Außenstehende gedacht haben. Und ich muß gestehen, daß ich ähnlich reagierte, als ich dort vor zwei Monaten einer Parlamentsdebatte beiwohnte, bei der Opposition und Regierung sich geradezu überboten in ihren Forderungen nach "Aufrüstung". "Sie müssen bedenken", meinte damals der englische Generalgouverneur, um meine Verwunderung zu dämpfen, "8000 Mann sind für ein Land von 35 Millionen Einwohnern ja nun auch wirklich sehr wenig. Und wenn Nigeria erst unabhängig ist, nach dem 1. Oktober dieses Jahres, dann gibt es auch nicht mehr die Möglichkeit, in Notfällen auf britische Verstärkung zurückzugreifen." Um was für Notfälle es sich dabei wohl handeln könnte? Nigeria betrachtet all seine Nachbarn mit einer gewissen Sorge. Da ist im Osten die neue Republik Kamerun, in der seit Monaten "Mord und Totschlag" herrschen – zwei nigerianische Bataillone sind bereits an dieser Grenze stationiert. Mit wachsendem Argwohn beobachtet die Regierung ferner Nkrumahs Forderungen Togo gegenüber, und in der französischen Communauté, mit der Nigeria fast 2000 Kilometer Grenze teilt, scheint auch keineswegs eine Garantie für Stabilität gegeben.

"Was geschieht denn überhaupt, wenn das Land unabhängig wird?"

"Dann wird man eine Woche lang feiern." "Nein, ich meine, welche Veränderungen werden eintreten?"

"Gar keine."

Gar keine... So unglaubwürdig diese Antwort, die ich von "Weiß" und "Schwarz" immer wieder bekam, zunächst auch schien, so wenig Gegenteiliges konnte ich während eines dreiwöchigen Aufenthaltes entdecken. Denn: Die Regierung ist bereits rein afrikanisch besetzt, die Verantwortung für ihre Finanzen tragen die Nigerianer seit Jahren selbst und das Bundesparlament ist im Dezember 1959 für fünf Jahre gewählt worden, so daß Gewähr für Kontinuität gegeben ist.