Bilder aus der Frühzeit der Photographie haben schon lange das Interesse auf sich gezogen, in der Schweiz hat man sie gesammelt, und die Amerikaner haben die besondere Art ihrer historischen Neugier in der Sammlung früher Photographien betätigt, die ein Hauptkapitel ihrer Geschichte, den Bürgerkrieg in den sechziger Jahren, illustrieren. Für Europa hatten wir bisher noch keine so umfassende und zugleich so verständnisvoll kommentierte Sammlung wie diejenige, die jetzt in der Übertragung aus dem schwedischen Original vorliegt –

Sven Ulric Palme und Ake Meyerson: „Als die neue Zeit anbrach“, Geschichtliche Dokumente aus der Frühzeit der Photographie; Atlantis Verlag, Zürich; 215 S., 34,– DM.

Es handelt sich vorwiegend um Bilder aus England (Sammlung Gernsheim) und aus Schweden, dazu kommt einiges Material vor allem aus USA. Schon die Bilder allein würden dem Buch einen bedeutenden Wert verleihen, seinen Charakter aber erhält es durch die Einleitung, Überleitungen und Kommentare, alle mit vorwiegend sozialgeschichtlichem Aspekt. Wer Geschichte der letzten 110 Jahre treibt, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen, er wird manchen überraschend lebendigen und wahrhaftigen Zugang zu seinem Objekt finden und zugleich im ganzen eine Frühgeschichte einer Form der Dokumentation, ohne die wir heute nicht leben können, ja, die heute oft in Gefahr ist, das Darzustellende selbst zu überwuchern. In jenen Zeiten behält das Objekt noch seine eigene Würde. Mit dem Krimkrieg setzen die eigentlich historischen Bilder ein, und sie führen uns bis zum Beginn unseres Jahrhunderts. Es sind bekannte Kabinettstücke dabei, aber mehr noch Unbekanntes, an dem die Herausgeber die soziale Entwicklung der Zeit demonstrieren.

Deutschland fällt praktisch aus. Es wäre an der Zeit, daß ein Verlag oder ein wissenschaftliches Gremium sich die Sammlung deutscher Photographien angelegen sein ließe: unsere Sozial- und Geistesgeschichte könnte dadurch manches von dem Allzu-Abstrakten verlieren, was ihr heute noch anhaftet. Noch lebt eine ältere Generation, die das meiste deuten könnte. Wer sich an die Diskussion in einer großen Zeitung um ein angebliches Bild vom Berliner Kongreß erinnert, das sich nachher als Photographie einer Szene aus einem Wachsfigurenkabinett entpuppte, weiß, wie sehr hier die Dinge bei uns im argen liegen. Vielleicht hilft das vorliegende Werk dazu, daß auch in Deutschland Sammlung und Verwertung in Gang kommen. Fritz Ernst