Von Josef Halperin

Wie Nikolaj Chochlow im Herbst 1941, als Neunzehnjähriger, zum sowjetischen Geheimdienst kam, wie er Hauptmann wurde, wie er sich während des Aufenthaltes in den Rand- und Satellitenstaaten innerlich vom Regime abwandte, in seiner Krise eine gleichgesinnte Frau fand, die er heiratete, und wie er schließlich, im Frühjahr 1954, den Auftrag, den Leiter einer antikommunistischen russischen Untergrundorganisation in Frankfurt am Main zu ermorden, nicht ausführte, sondern sich dem Bedrohten eröffnete – diese Geschichte wird "ein Bericht" genannt und liest sich wie ein Roman –

Nikolaj Chochlow: "Recht auf Gewissen" – ein Bericht; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 455 S., 16,80 DM.

Der Stil der Übertragung von Karl-Eugen Wädekin ist ausgezeichnet. Ist es auch der Stil des russischen Originals? Vielleicht – denn Chochlow wollte unter anderem Schriftsteller werden. Die romanhafte Form fördert zwar die Spannung, verwischt aber die Grenzen zwischen Unterhaltungsliteratur und Tatsachenbericht, so daß es schwerfällt, sich über die Authentizität des Materials schlüssig zu werden.

Das Buch ist im Verlag jener Emigranten-Organisation in russisch erschienen, im Possev-Verlag Frankfurt. Anscheinend verbürgt sich dieser ebensowenig wie die Deutsche Verlags-Anstalt für die Details. Der kritische Leser ist in dieser Beziehung auf sich selbst angewiesen und wird nicht verfehlen können, hinter einige Berichte ein Fragezeichen zu setzen.

Ein Russe mit geringen Deutschkenntnissen erlernt, so heißt es, in einem halben Jahr die Fremdsprache so gut, daß er als "deutscher Offizier" in dem Gefangenenlager, in das er zur Vollendung seiner Ausbildung für dreißig Tage gesteckt wird, keinen Verdacht weckt. Von dem nunmehr in den "Infanterieleutnant Walter Latte" verwandelten Chochlow wird nicht gesagt, aus welcher Gegend Deutschlands er stammen soll. Er spricht so "akzentfrei", daß ihn später in Wiener-Neustadt ein Friseur für einen Reichsdeutschen hält. Einem solchen "akzentfreien" Russen ist wohl bisher noch niemand begegnet. Sollte Chochlow der erste sein?

Nach Rumänien wird Chochlow als "Pole" Stanislaw Lewandowski geschickt. Anfang 1945 kannte er nur zwei, drei polnische Redensarten und genoß dann drei Wochen "Training". Seine "Legende" (eine fiktive Lebensbeschreibung) will wahrhaben, er sei in Lemberg geboren und aufgewachsen, 1939 nach Transsilvanien geflüchtet, bis 1945 Gelegenheitsarbeiter gewesen und dann nach Bukarest gekommen. Wie er 1939, als Siebzehnjähriger, schon "Techniker" gewesen und zu einem "echten", 1945 noch gültigen Paß gekommen sein soll, verschweigt die "Legende".

Wörtliche Zitate aus Geheimakten, die Chochlow nicht in Abschrift bei sich hat, regen, auch wenn man ihm ein ungewöhnliches Gedächtnis zubilligen wollte, ein kleines Fragezeichen an.

Ein großes Fragezeichen drängt sich auf, wenn sich der Geheimagent mit dreizehnjähriger Erfahrung so naiv gibt, daß er geglaubt haben will, die Verweigerung des Mordbefehls derart tarnen zu können, daß seine Frau in Moskau unbehelligt bleiben werde.

Ob Roman oder Bericht – Chochlows Bild von seiner Frau Jana schließt die Wahrscheinlichkeit aus, daß sie sich hätte bewegen lassen, in die amerikanische Botschaft in Moskau zu fliehen und später möglicherweise die Sowjetunion zu verlassen. Denn Jana hatte sich, als für sie eine legale Ausreise frei; war, Chochlow gegenüber geweigert, nach dem Westen überzusiedeln. Im übrigen ist zu vermerken, daß Chochlows Darstellung, wonach in Rußland die Mehrheit gegen das Sowjetsystem sei – und geradezu eine revolutionäre Stimmung herrsche, westlichem Wunschdenken entgegenkommt.

Millionen Zeitungsleser und Rundfunkhörer hatten sich, so erklärt Chochlow in der Einleitung, keinen Reim darauf machen können, "was in meiner Geschichte glaubwürdig und was verworren, entstellt oder verschwiegen war." Dem aufmerksamen Leser des Buches, das viel ausführlicher ist, als jene Radiosendungen und Zeitungsartikel sein konnten, wird es ähnlich ergehen.