Der Mann im Schatten wählte den Weg ins Dunkel – Syngman Rhee aber wartet im „Haus der Pfirsichblüte“

Es ist wieder ruhig geworden in Seoul, der alten Metropole, die eingebettet liegt in die braunen Berge Koreas und die so viel erlebt hat in den letzten zehn Jahren. Zweimal wurde sie von den Kommunisten besetzt, zweimal von den NATO-Truppen zurückerobert. Dann Jahre des Aufbaus und der Strenge. Aber im April 1960 hallten die Schreie der Rebellion durch die Straßen. Bis endlich Seoul der Sitz einer Regierung wurde, an deren Spitze zum erstenmal seit zwölf Jahren, zum erstenmal in der Geschichte der Republik von Korea, nicht mehr der große, der mächtige, der alles beherrschende Syngman Rhee steht.

In den Amtsstuben und Schulräumen von Seoul fallen weiße Rechtecke an den Wänden auf. Hier hingen bis vor ein, zwei Wochen die Bilder Rhees und seines engsten Vertrauten, des gewählten Vizepräsidenten und Präsidenten der Nationalversammlung Li Ki-pong. Aber nicht überall in Korea (und das ist eine für die Zukunft gewiß nicht unwichtige Beobachtung) sind die Bilder beider Männer von den Wänden genommen worden. Es gibt vor allem in den ländlichen Gebieten noch unendlich viele Wohnstuben, wo Syngman Rhee, der Gestürzte, auch weiterhin auf die Seinen herabblickt – nicht als Diktator, sondern als „Vater des Volkes“.

Begrüßung am Flugplatz

Der andere aber, Li Ki-pong, auf den sich die ganze Wut der Rebellen konzentrierte, ist abgetreten von der koreanischen Bühne. Kaum einer trauert ihm nach, doch auch kein Koreaner verfolgt ihn mit seinem Haß über das Grab hinaus. Das hat seinen Grund.

Als er noch lebte, war der 63jährige Li Ki-pong der zweitmächtigste Mann im Staate. „Er ist mein rechter Arm“, hat Rhee immer wieder von ihm gesagt, und jedermann wußte, daß der greise Präsident, wenn er für wichtige Entscheidungen Rat und Bestätigung brauchte, seinen Freund Li zu sich holte in seine hoch über Seoul gelegene Residenz Kyong Mu Dae (zu deutsch: Haus der Schönheit und des Mutes).

Als im Jahre 1945 der 70jährige Syngman Rhee auf dem Flugplatz von Seoul aus einer amerikanischen Militärmaschine kletterte und nach drei Jahrzehnten eines bitteren Emigrantenlebens wieder koreanischen Boden betrat, erwartete ihn ein kleiner, schmächtiger fünfzigjähriger Mann: Li Ki-pong. Auch er hatte – wie Rhee – in Amerika studiert und dort elf Jahre seines Lebens verbracht, aber er war – anders als Rhee – schon in die Heimat zurückgekehrt, als dort noch die Japaner regierten.