Die gar nicht wenigen Skeptiker, die nicht davon zu überzeugen sind, daß die modische Festspielwelle etwas mit „kulturellen“ Beweggründen, wirklichen künstlerischen Bedürfnissen oder geistigen Impulsen zu tun habe, können das Arsenal ihrer Argumente um einen ergiebiger Mißtrauensanlaß bereichern. Nicht, daß die Symptome des eben bekanntgewordenen Falles in jeder Hinsicht verallgemeinert werden dürften. Aber das Interessensystem, das hinter den Vorgängen steht und sie zum Teil erst ermöglicht, dürfte allerorten wenn nicht dasselbe, so doch ein ähnliches sein: nämlich die Begegnung lokaler Fremdenverkehrswünsche und beherzten Kunstunternehmertums.

In der schönen alten Bischofsstadt am Zusammenfluß von Donau, Inn und Iltz wurden seit 1952 alljährlich „Europäische Wochen“ veranstaltet. Sie erfüllten ihren Zweck insofern, als sie dem Namen der Stadt Passau ein neues Sternchen in den Prospekten der internationalen Reisebüro; eintrugen. Ansonsten erwiesen sie sich als bedenkliche Verlustgeschäfte (Defizit 1957: 256 000 DM) und mußten sich daher auch im Stadtrat von jeher gegen eine den Fürsprechern beinahe zahlengleiche Opposition durchsetzen. Der Oberbürgermeister Dr. Stephan Billinger, persönlich der Sparsamkeit zugetan, erhoffte dabei Besserung von einer veränderten Programmgestaltung (als ob der industrialisierte Festspieltourismus sich überhaupt für Programme interessierte anstatt für „Namen“’!); wohingegen der heftigste Opponent, der städtische Rechtsrat Dr. Hans Hirsch, nicht müde wurde, darüber Klage zu führen, daß der vierzehntägige Zauber erhebliche Summen verschlinge, die besser den bleibenden kulturellen Einrichtungen der Stadt zugewandt würden.

In diesem Jahr nun aber herrscht Einigkeit über die Unterlassung: die „Europäischen Wochen“ 1960 fallen erst einmal aus. Und das hat einen fatalen Grund. Der Staatsanwalt hat nämlich Ermittlungen eingeleitet gegen den Intendanten Johannes Klein, welcher hier und in Bad Hersfeld als künstlerischer Unternehmer der Kulturfestivitäten zeichnet.

Es fing damit an, daß Anzeige erstattet wurde wegen lumpiger 100 DM, die ihren berechtigten Empfänger, die Darstellerin der Mutter im „Jedermann“, Hildegard Schreiber, nie erreicht haben sollen. Die diesbezüglichen Studien ließen den Geschäftsführer der „Wochen“, Stadtinspektor Wirnhier, sodann weitere Fragwürdigkeiten entdecken: Gagenauszahlungen von 300 DM, für die der Intendant 400 DM in Rechnung gestellt und erhalten hatte, Vorprobenentschädigungen von 25 000 DM, die seit 1957 faktisch nicht mehr gezahlt und nur teilweise an die Stadt zurückgegeben worden sein sollen, Agentenprovisionen für die Vermittlung des Hersfelder Ensembles in Höhe von 9000 DM und 900 DM Leihgebühr für Hersfelder Requisiten, von denen wieder die Stadt, Hersfeld nach Aussage des Bürgermeisters Dr. Jansen nichts zu sehen bekommen haben will...

Das Ermittlungsverfahren läuft noch. Der beschuldigte Intendant bestreitet energisch jedes rechtswidrige Verhalten.

Wie dem auch sei – die große Zunft der Festspielfeinde (vielleicht sind es aber vielfach gerade Verehrer des Festspielgedankens, die nur mit dem Begriff „Festspiel“ die Vorstellung des Besonderen und Feiertäglichen verbinden!), diese Gilde also wird den in Passau aufgewirbelten Staub mit einer gewissen Genugtuung betrachten. Es braucht sich dabei gewiß nicht um einen Modellfall zu handeln. Aber die Skepsis, auch die berechtigte, fragt nicht so genau nach den Grenzen ihrer Verdachtsgründe. Walter Abendroth