Von Egon Vacek

Istanbul, Anfang Mai

Was soll ich Recht studieren, wenn doch nur das Unrecht regiert“, keucht der 23jährige Jurastudent Ihsan K. Wir waren mit mehr als tausend Studenten den Atatürk Bulvari hinaufgetrieben worden, gejagt von türkischen Soldaten, denen ihr General Fahrt Odzilek in seinem 15. Tagesbefehl seit Verhängung des Kriegsrechtes über Instanbul befohlen hatte, von heute an die Waffen zu gebrauchen.

Dennoch waren sie auch an diesem zweiten Mai wiedergekommen, Studenten aller Fakultäten, darunter auch einige Mädchen. Sie wollten den 15 Außenministern der NATO „Freiheit“ und „Demokratie“ zurufen, als diese zu ihrem Frühjahrstreffen vor der Beledye Saray, der neuen Stadthalle, auffuhren. Vor dem modernen Gebäude, dessen Putz kaum trocken war,hattenRäumbagger eine Geröllhalde planiert. Hier ließen sich die Studenten zunächst zu einem Sitzstreik nieder. Als die schwarzen Limousinen der Minister in den Atatürk Bulvari einschwenkten, kamen die ersten Rufe. Die Armee wartete, bis die hohen Gäste unter der abschirmenden Glasglocke der Stadthalle zur Eröffnungssitzung verschwunden waren. Dann griff sie an. Während die Soldaten mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln auf die Studenten einschlugen, rollten die schweren Sherman-Panzer aus ihren Bereitstellungen hervor.

„Eine Handvoll Faulpelze, die nicht wissen, was sie tun“, so hatte Ministerpräsident Menderes in einer Rundfunkrede die Demonstranten genannt. Sie wissen vielleicht wirklich nicht, was sie tun, und sie wissen vielleicht auch nicht, was sie wollen. Aber sie wissen, was sie nicht wollen: Sie wollen keine solche Demokratie, wie Adnam Menderes sie in der Türkei praktiziert. Die Leistungen der Regierung, die Straßen und Staudämme baute und das Nationaleinkommen versiebenfachte, imponieren ihnen nicht. Sie sind ungeduldig, die jungen Türken, sie wollen rasch herauskommen aus den letzten Resten orientalischer Betulichkeit. Sie haben sich im Ausland umgesehen, und sie vergleichen jetzt. Ein Ingenieur-Student erzählt mir während einer Verschnaufpause der Rebellion von seiner Arbeit bei einer deutschen Elektrofirma. Er kommt ins Schwärmen. Andere rufen dazwischen: „So wollen wir auch leben und nicht erst in zwanzig Jahren.“

Die Studenten sind einsam bei ihren Demonstrationen, die Masse der Bevölkerung schaut von den Balkonen zu, läßt sich von den Parolen der Jungen nicht mitreißen. Ja, viele schimpfen sogar auf die jungen Kerls, die ihnen Sperrstunde und Kriegsrecht eingetragen haben. Man kann nicht mehr ins Kaffeehaus, kann dieses und jenes nicht. Die Älteren fühlen sich belästigt. Sie rufen den Studenten zu: „Idioten seid ihr, baut ihr doch erst einmal eine Straße...“

An der Eski Imaret Camii-Moschee sammeln sich die Studenten wieder. Viele sind atemlos und rot im Gesicht. Sie singen ein neues Lied nach der Melodie „Osman Pascha“: „Wir sind die Jugend der Türkei und fürchten uns vor nichts. Die Diktatoren dürfen nicht länger leben...“ Einer springt auf ein Autodach, will eine Rede halten. Aber schon sind die Soldaten wieder da, schlagen und prügeln den Haufen auseinander.