Es ist eine schöne, zunächst sogar einleuchtende, freilich, recht besehen, auch tieftraurige Geschichte. Sie geht so: Die hochspezialisierten Wissenschaften von heute entwickeln eine eigene Sprache, in der sich jeweils zwanzig Wissende oder ein paar mehr – oder ein paar weniger, die über alle Länder der Erde verstreut sind, unterhalten können. Dem Laien muß diese Sprache unverständlich bleiben.

Ich Laie glaube nicht, daß diese Geschichte wahr ist. Die Wahrheit, die sie enthält, scheint mir ein wenig anders auszusehen: Die verschiedenen hochspezialisierten Wissenschaften haben eigene Sprachen entwickelt, die es ihnen erlauben, sich in Kurzformeln über Sachverhalte zu verständigen, deren allgemeinverständliche Darstellung das Zehnfache oder auch das Tausendfache an Raum oder Zeit beanspruchen würde.

Es scheint mir unbewiesen, daß – während Übersetzungen aus dem Chinesischen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten machen – es schlechterdings unmöglich sein sollte, aus der Sprache eines deutschen Gelehrten in die Sprache des interessierten deutschen Laien zu übersetzen. Keine Nobelpreisträgertagung hat mich davon überzeugen können (auf der des vorigen Jahres stellte Professor Heisenberg seine höchst komplizierte „Weltformel“ so dar, daß Laien zumindest verstehen konnten, worum es dabei geht) und kein Fachkongreß. Auch wird in der angelsächsischen Fachliteratur immer wieder bewiesen, daß der Abgrund, der zwischen der Umgangssprache der Gebildeten und der Sprache der Wissenschaft klafft, nicht unüberbrückbar zu sein braucht.

Wahrscheinlich ist es richtig, daß Technik und Wissenschaft die kulturbestimmenden Kräfte unserer Zeit sind – während die Menschen dieses Jahrhunderts noch immer eine „Bildung“ erstreben, in der Literatur, Philosophie und Kunst nach wie vor als die richtungweisenden Kräfte gesehen werden. Um so bedenklicher stimmt es, wenn von hunderttausend Menschen des 20. Jahrhunderts nur einer „weiß, was gespielt wird“. Gewiß, die „kulturtragende Schicht“ war immer dünn – aber so dünn doch wohl noch nicht.

Die vielgeschmähte Publizistik ist eigentlich rührend bemüht, Brücken zu schlagen. Eine angesehene deutsche Tageszeitung quält sich mit der festen Etablierung einer Seite „Wissenschaft“. In jeder Redaktion suchen verantwortungsbewußte Redakteure händeringend nach Schreibern, die wissenschaftliche Sachverhalte ohne Verfälschung allgemeinverständlich darstellen können – und denen auch einmal ein anderes Bild einfällt als das Atom-Modell von Niels Bohr.

Im unternehmungsfreudigen Sonderprogramm des Bayerischen Rundfunks wurden Preise im Werte von 3250 Mark (dazu die Sendehonorare für preisgekrönte Arbeiten und die Aussicht auf lukrative Publikations-Aufträge) als Köder ausgeworfen, um solche Leute zu finden, die es können: wissenschaftlich denken und allgemeinverständlich schreiben, übersetzen aus der Sprache der Integrale und des zweckentfremdeten Griechisch in deutsche Worte und Sätze und syntaktisch gegliederte Satzfolgen.

850 fühlten sich berufen, 85 kamen in die engere Wahl. Diese 85 Manuskripte habe ich gelesen. Es war keine erbauliche Lektüre. Und nie, nicht ein einziges Mal, drängte sich die Überzeugung auf: dieses läßt sich eben in allgemeinverständlicher Sprache einfach nicht darstellen.