Paris, Anfang Mai

Wenn gegenwärtig dem gaullistischen Regime Gefahr droht, dann nur von rechts. Auf der Linken stellt sich ja die KP, wohl auf einen Wink Moskaus, tot. Und was sonst an linker Opposition sich regt, Minderheitssozialisten und Verwandtes, sind kleine Zappelfelixe, die de Gaulle vorerst nicht ernst zu nehmen braucht. Der mehrheitssozialistische Boß Guy Mollet auf jeden Fall ist vorerst nur rhetorisch in die Opposition gegangen, um sich für später ein Alibi zu verschaffen; den Übergang in die effektive, unwiderrufliche Opposition wird sich dieser äußerst vorsichtige Mann erst leisten, wenn er das Schiff todsicher untergehen sieht.

Was sich auf der Rechten an Opposition alles regt, ist jedoch recht bedrohlich: Zu den Ultras in Algerien kommen ja auch noch die Bauern im Mutterland, ein erheblicher Teil des Offizierskorps und nicht zuletzt eine stattliche Gruppe der intellektuellen Jugend. Aber eines ist eine gewisse Beruhigung für das gaullistische Regime: Das alles brodelt wild durcheinander, ist unkoordiniert und verzettelt sich in Streitigkeiten untereinander.

Die Kräfte, die sich zur Parole des „französischen Algeriens“ bekennen und gegen de Gaulles „algerisches Algerien“ wütend protestieren, machen, auf dem Papier zusammengerechnet, zwar einen bedenklich großen Teil der politischen Kräfte aus. Aber unter ihnen sind die Ultras, die den ehemaligen Gaullisten nicht über den Weg trauen, weil sie vor zwei Jahren den Putsch vom 13. Mai ins Geleise der Fünften Republik geleitet haben. Da sind die Offiziere, die nicht mit den „Zivilisten“ marschieren wollen. Und wer einst bei Pétain war, verzeiht dem Widerstandskämpfer nicht, auch wenn dieser inzwischen zum feurigsten Verfechter des Status quo in Algerien geworden ist.

Nun, auch Deutschland hat einmal eine solch konfuse und zersplitterte Rechte gekannt, bis der Trommler auftrat, der Schritt für Schritt alles hinter der einen Fahne – der seinigen – vereinigte.

Als in diesen Tagen Jacques Soustelle aus der – im wesentlichen von ihm geschaffenen – gaullistischen „Union für die Neue Republik“ (UNR) ausgeschlossen wurde, hat man sich sofort gefragt, ob er nun Frankreichs Trommler werden würde – der große Einiger der wie ein Dampfkessel brodelnden, aber noch gestaltlosen Rechtsopposition.

Der einstige Geheimdienstchef de Gaulles war zweifellos eine Persönlichkeit von überdurchschnittlichem Format unter der gaullistischen Führungsschicht. Aber es fragt sich doch, ob er imstande ist, zum Katalysator aller rechtsoppositionellen Kräfte zu werden. Es hat sich um diesen wenig geliebten und von vielen gefürchteten Mann ein politischer Mythos gewoben, der die Grenzen dieser heute neben de Gaulle am meisten umraunten Gestalt der französischen Politik zu sehr verwischt. Und es ist durchaus möglich, daß Soustelle an derselben Hürde scheitert, die auch sein ihm menschlich in manchem so ähnlicher politischer Antipode Mendès-France nicht hat nehmen können – daß er nämlich die gefühlsmäßigen, irrationalen Kräfte in der Politik unterschätzt.