Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Schottland pflegt man durch die Brille der Briten zu sehen: ein wildes Hügelland voller dickköpfiger Britenhasser, Whiskyschmuggler oder Querköpfe, das sich durch die Entsendung der Stuarts auf Englands Thron nur zeitweise für Schmach und Schande dauernder Grenzüberfälle rächen konnte. Und was ist Schottland wirklich? Diese Frage beantwortet auf präzise und bewunderungswürdige Art ein Sachbuch von

R. B. Robertson: „Von Schotten und Schafen“; Verlag Ullstein, Berlin/Frankfurt/Wien; 237 S., 13,50 DM.

Der Autor ist zwar Amerikaner, stammt jedoch von Schotten ab, so daß er kein wirklicher Ausländer ist. Sein Versuch eines Porträts gelang ihm so vorzüglich, daß selbst die Schotten, die sein Buch lesen, es verstehen werden, warum seit der Römerzeit die Bemühungen nicht abgerissen sind, den Tweedfluß, Schottlands südliche Grenze, zu überschreiten und ihr Land zu erobern.

Man erfährt in diesem Buch alles, was im Kreise eines Jahres in einem der kargen Hirtentäler den Schafen und Menschen geschieht. Man liest von Cheviotwolle und Fischwilderei, von Collies Hirten und wilden Böcken, von der historischen Vergangenheit des Grenzlandes, von Wirtschaftsfaktor und Dörflern. Und gerade diese rustikalen Episoden bezeichnen die Qualität des Buches. Nirgendwo taucht „das Idyll“ auf, nirgendwo wird Weltabgeschiedenheit in poetische Ferne umgelogen. Probleme und Charaktere sind ehrlich und trocken geschildert, doch durch die humorvolle und unsentimentale Anteilnahme des Autors an den bestimmten und typischen Schicksalen entsteht unversehens die Atmosphäre ihres Lebens, die Reportage wird zur Geschichte.

Außerdem entdeckt der Leser bei der Lektüre, daß zum Zustandekommen eines guten Sachbuchs nur zwei Dinge nötig sind: erstens ein Autor, der nicht nur zu beobachten und zu erzählen weiß, sondern der darüber hinaus auch noch das ihm nach Temperament und Neigung zugehörige Thema selber auswählt und ohne persönliche Eitelkeit behandelt. Zweitens muß dieser Autor soviel Zeit an sein Thema wenden können, wie er braucht. Beides war hier der Fall.

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