Wolfgang Müller war auch privat wirklich komisch. Noch vor ein paar Wochen bin ich mit ihm zusammen geflogen. Nicht mit einer Piper-Sportmaschine wie der, deren Absturz ihm am 26. April das Leben kostete, sondern mit der BEA. Er hatte einen Pepita-Hut auf dem Kopf, in der linken Hand ein ungeheuer schweres und kompliziertes Kurzwellen-Amateur-Radio, in der rechten ein tragbares Batterie-Fernseh-Gerät. „Wunderbar“, sagte er, „ich setze es zu Hause auf den großen Empfänger und stelle oben das Ostprogramm ein, unten das Westprogramm oder umgekehrt. Gleichzeitig, verstehst du! Und so müßtest du mich mal filmen – dann hätten wir das Dritte Fernsehprogramm.“

Ich glaube, er war ein großer Komiker: Als Räuber mit dem Lied „Ach müßte das schön sein, ein friedlicher Bürger...“ im Wirtshaus im Spessart; in der Musical-Parodie auf Kiss Me Kate „Schieß mich Tell“; in den Wunderkindern; als einer der „Drei Mann auf einem Pferd“. Schon in der Greifi-Bar kurz nach dem Kriege hatte er mehr als Lokalformat. Und im Rauchfang später – hat er nicht oft genug die Berliner Misere zum Teufel gelacht?

Er konnte ungeheuer schnell sprechen, ungeheuer traurig gucken und ungeheuer gut eine ganze Jazz-Band imitieren. Er liebte die halben Sätze, die Andeutungen – „... na, Sie wissen schon ...“ Höflich den anderen gegenüber: „Ist ja alles nichts Besonderes, was ich da biete; meine ja nur, Sie können ja mal herhören, wenn Sie wollen. Oder auch nicht.“

War er nicht eher ein bißchen ängstlich, jedenfalls schüchtern? Dennoch habe ich selten ein paar runde blaue Augen so geradeaus gucken sehen, ohne Scheu und ohne Zudringlichkeit – besonders genau und frech in die politische Welt.

Es ist zu dumm. Er überlebt den Krieg, Jahrgang 22, ist vorsichtig wie ein braver Soldat Schweijk (dabei allerdings donquichottisch dürr) und muß unbedingt in der Schweiz zu hoch hinaus mit seinem Sportflugzeug.

Nicht verheiratet, keine Kinder; er hinterläßt Eltern und vor allem: den anderen Wolfgang. Neuß war der Motor, Müller das Öl; Neuß der Kopf, Müller das Herz; Neuß der harte Satiriker, Müller der Komödiant mit dem lachenden und dem weit nenden Auge. Natürlich kann Neuß auch allein. Aber das, was die beiden Wolfgangs zusammen konnten, das wird es nicht mehr geben.

Wieder eine Nuance ernster diese Welt ohne ihn. Dieser Absturz, lieber Wolfgang Müller, war der einzige schlechte Witz in deinem Leben. Und uns vergeht das Lachen. Thilo Koch