Korsika, eine wilde Märcheninsel – die Griechen nannten sie „Die Allerschönste“ – Das Licht zaubert

Von Monika von Zitzewitz

Bastia, im Mai Bei günstigem Wind erkennt man Korsika schon drei Stunden vor der Landung am herben Duft der Macchia, des blühenden, undurchdringlichen Gestrüpps, das sieben Zehntel der Insel bedeckt. „Mit geschlossenen Augen würde ich mein Korsika an seinem Geruch erkennen“, sagte der verbannte Napoleon auf dem benachbarten Elba. Man braucht indessen kein verbannter Kaiser zu sein, um Heimweh nach der „Isle de Beauté“ zu haben und sie mit geschlossenen Augen mitten im Meer zu finden, selbst wenn man sie nur fünf Tage lang bereist hat. Wäre Korsika nicht längst für den Tourismus entdeckt, ich würde mir lieber die Zunge abbeißen, als seine wilde Schönheit preiszugeben. Aber nun, wo es eh zu spät ist, möchte ich denen, die es noch nicht wissen sollten, sagen: Fahrt nach Korsika! Aber wählt eine Zeit, in der der Schwarm der Reisenden zu Hause sitzt. Denn das vereinte Europa in Shorts und Bikinis macht auch die überwältigendste Landschaft zu einem alltäglichen Ferientummelplatz.

Ich stieg an einem kühlen Morgen aus dem Schiff „Cyrnos“, auf dem ich schon unterwegs zwei korsische Lektionen erhalten hatte. Eine in korsischer Gastfreundschaft. Ein Matrose schenkte mir einen Frischling, der ihm mutterlos im Maquis zugelaufen war. Leider konnte ich ihn beim besten Willen nicht gebrauchen. Und der Kapitän las mir an Hand des Schiffsnamens ein Privatissimum über korsische Geschichte. Denn „Cyrnos“, das Horn, nannten die Phönizier – die ersten historisch nachgewiesenen Invasoren – die Insel. Für die Griechen, die ihnen folgten, war Korsika – die Waldbedeckte – zuerst Kalliste, zu deutsch: Die Allerschönste. Schade, daß den Poeten die Forstwirte folgten und das letzte Wort bei der Namensgebung behielten.

Keine Fata Morgana

Die vorgeschichtlichen Bewohner – man spricht von einer archaisch kretischen Zivilisation – hinterließen keinen Namen, nur riesige Menhire mit geisterhaften Gesichtern. Als sie vor vier Jahren unter dichtem Gestrüpp in Filitosa an der Südwestspitze der Insel entdeckt wurden, glaubten die Archäologen an eine Fata Morgana. Denn die einzigen Verwandten dieser Geistersteine stehen auf den Osterinseln im Pazifik. Soweit die Geschichtsstunde. Wir landeten in Bastia. Es ist die größte Stadt (etwa 50 000 Einwohner) und die größte Enttäuschung für den Ankömmling. Weder die Umgebung noch der reizlose Ort verraten, was hinter ihnen liegt.

Es war ein Sonntagmorgen. Es gibt nichts Langweiligeres als ein Sonntagmorgen in einer französischen Provinzstadt. Der einzige Ort der Insel, wo ich mich in Frankreich fühlte, war freilich Bastia: eine Provinzstadt aus der Zeit der Madame Bovary. Vor elf Uhr sind nur die Bäckerbuben und die Zeitungsboten auf der Straße. Schlag elf Uhr erscheint die Bevölkerung sonntäglich geputzt zur Promenade auf der palmenumsäumten Piazza am Meer. Da schreiten sie würdevoll und gelangweilt auf und ab, ein monotones Menuett ohne Tanzschritte. Nur die Kinder hüpfen manchmal aus der Reihe, um eine „barba di papa“ zu erstehen, gesponnenen Zucker am Stiel, anzusehen wie riesige Wattebäusche. Wer nicht auf der Promenade ist, sitzt vor den Cafés an der Piazza und geht mit den Augen auf und ab.