Aktien soll man kaufen, wenn sie billig sind. Mit dieser Börsenweisheit kann man nicht viel anfangen, denn niemand weiß so recht, wann was billig und was teuer ist. Es wird immer mehr Mode, Bilanzanalysen und Bilanzvergleiche zu machen, dabei diese oder jene Methode anzuwenden. Aber der Stein der Weisen wurde auch damit noch nicht entdeckt. Dennoch sind das sehr brauchbare Hilfsmittel. Wenn sie genügend beachtet werden, können sie auch den Kurs einer Aktie entsprechend beeinflussen. Jede Analyse fußt aber auf das, was gewesen ist. Sicherlich lassen sich daraus gewisse Schlüsse auf die Zukunft ziehen, aber das sind dann schon Spekulationen. Man kann der Chemie eine große Zukunft voraussagen; doch läßt sich nie mit Sicherheit vorausbestimmen, daß dieses oder jenes Unternehmen der Chemie-Wirtschaft auch morgen so gut im Markt liegen wird wie heute. Das hängt von vielen Voraussetzungen ab, nicht zuletzt von der Tüchtigkeit der Unternehmensführung. Dies wollte ich Ihnen, meine verehrten Leser, zu Beginn unseres heutigen Gespräches sagen, weil es Mode geworden ist, alles auf eine Karte zu setzen und bei der Depotzusammenstellung die nötige Streuung zu vernachlässigen.

Die Chemie-Werte haben in den letzten Monaten einen starken Aufschwung genommen. Wer die Bilanzen der IG-Farben-Nachfolger gelesen hat, wird das nicht überraschend finden. Über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, bin ich der Ansicht, daß beispielsweise die Kurse von BASF, Bayer und Hoechster auch heute noch eine gute Grundlage für ein Wertpapierdepot geben. Wer mit Preussag-Aktien angefangen und Freude am Aktiensparen gefunden hat, dem kann geraten werden, Papiere der genannten Unternehmen zu erwerben. Allerdings muß man dann schon einigermaßen „kapitalkräftig“ sein, rund 600 DM sind etwa für eine Aktie über nom. 100 DM erforderlich.

Wer sich aber ein Depot aufbaut, muß eines Tages an eine vernünftige Mischung nach Branchen vornehmen; später sogar auch in regionaler Hinsicht. Verfallen Sie aber nicht in den Fehler der Verzettelung, denn dann verlieren Sie rasch die Übersicht. Deshalb können die Portefeuilles der Investment-Gesellschaften für Privat-Depots auch nicht als Beispiel dienen. Hier handelt es sich einmal um sehr große Beträge, die angelegt werden müssen (und zwar schreibt das Gesetz Höchstgrenzen beim Erwerb einzelner Papiere vor), zum anderen liegt die Verwaltung der Fonds in den Händen von Fachleuten, die auch die Möglichkeiten besitzen, jede einzelne Aktie genau zu verfolgen.

Dennoch sind die Zusammensetzungen der Fonds in vieler Hinsicht aufschlußreich. Ich habe Ihnen bei früherer Gelegenheit schon einmal gesagt, daß sie kein Rezept für die Zukunft sein können, sondern lediglich eine Kontrolle darüber, inwieweit man selbst mit den Ansichten der Fachleute übereingestimmt hat. Die Union-Investment-Gesellschaft mbH hat jetzt einen Zwischenbericht über ihren Unionfonds herausgegeben. Wie Sie aus der Tabelle über die Branchenzusammensetzung des Fonds sehen können, hat sich per 31. 3. 1960 eine leichte Verstärkung des Anteiles der Chemie-Industrie ergeben, der jetzt 20 v. H. beträgt. Wie ich von einigen Banken hörte, sind die Besitzer großer Portefeuilles vielfach dazu übergegangen, den Anteil der Chemie-Werte sogar bis auf 30 v. H. zu verstärken – zu Lasten der Montan-Aktien, die auch beim Unifonds weiter verringert worden sind. Man erkennt an der Tabelle deutlich die Rangfolge: 1. Chemie, 2. Elektro, 3. Banken, 4. Warenhäuser und dann 5. erst die Montane.

Das besagt allerdings nicht, daß man beim Aufbau seines Depots nun unbedingt die gleiche Reihenfolge wählen soll. Heute kann es durchaus nützlich sein, Aktien der Schwerindustrie zu erwerben, denn sie liegen nun schon lange unter Druck und die Rendite ist hier am besten, so daß die Kurse von dieser Seite her eine gute Stütze bekommen, um so mehr natürlich, als die Dividenden für das laufende Geschäftsjahr eine steigende Tendenz aufweisen müssen.

Aber zurück zum Unifonds. Sieht man sich die Liste der einzelnen Werte an, dann sind die Veränderungen nicht bedeutend. Den Bestand von Feiten & Guilleaume hat man auf nom. 70 000 halbiert. Bayer. Hypotheken- und Wechselbank erscheinen nur noch mit nom. 90 000 DM, anstatt 190 000 DM am 30. 9. 1959. Verschwunden sind Schultheiss, die sich am 30. 9. noch mit 100 000 DM im Portefeuille befanden. Im Vorjahr wurden bereits die Aktien der Berliner Kraft- und Licht (BEWAG)-AG abgestoßen, so daß das „Berlin-Risiko“ weiter verringert worden ist.

Bis zur nächsten Woche! Ihr Securius