Von Paul Hühnerfeld

Wer heute über Jean Genet schreibt, gerät in Verlegenheit: Seitdem es Mode geworden ist, schriftlich fixierte Obszönitäten für Literatur zu halten, müssen diejenigen, die eine Schweinerei weiterhin eine Schweinerei nennen, es auf sich nehmen, Spießer, Mucker, ja Banausen genannt zu werden. Und so haftet denn gerade Urteilen über das homosexuelle enfant terrible der französischen Literatur etwas vom „Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht naß“ an.

Da lese ich in dem jüngst erschienenen Literaturlexikon eines christlichen Verlages (der es natürlich besonders schwer hat, dem Verdacht der Prüderie zu entgehen) von einer Dame namens Sigrid von Massenbach über Genet folgenden Satz: „Die Besessenheit, sich von seinen Erlebnissen unter den sozial Deklassierten zu befreien, verbunden mit einem tiefen Bedürfnis nach geistig-moralischer Integration in einer Welt, die ihn, wie er glaubte, ‚verraten‘ habe... entfesselte eine Flut literarischer Werke.“

Nein, verehrte Kollegin, so geht es nicht! Wer schreibt, hat doch immer das Gefühl, in einer bestimmten Weise „verraten“ zu sein. Mit einer solchen Platitüde nun das Phänomen Genet abzu-:un, ist das nicht schlimmer, als ihn vielleicht falsch zu beurteilen – aber eben doch zu beur-:eilen?

Versuchen wir ein solches Urteil, weil sich gerade jetzt die Gelegenheit dazu bietet. Soeben ist nämlich Genets erstes Buch, das er 1942 im Gefängnis von Fresnes schrieb und das 1944 in Frankreich in einer kleinen Auflage erschien, bei ans in Deutschland herausgekommen –

Jean Genet: „Notre-Dame-des-Fleurs“; Merlin Verlag, Hamburg; 276 S., 17,50 DM.

Was weiß das deutsche Publikum bisher über Genet? Vielleicht, daß einige Bücher von dem jetzt beinahe 50jährigen Schriftsteller aus Paris schon in Deutschland – zum Teil als Privatdruck – erschienen sind: das bekannteste davon der Roman „Querelle“, der als Genets Hauptwerk gilt. Vielleicht weiß man auch, daß sich ein Teil der französischen Intelligenz – allen voran Jean-Paul Sartre – leidenschaftlich für Genet einsetzt. Was aber weiß man über den Autor selber?