Von Sigmund Chabrowski

Das Haus – früher Schloß – Carstanjen in der Turmstraße zu Bad Godesberg, Sitz des Bundesschatzministeriums, ist wieder „Residenz“. Das durch den Tod von Bundesminister Dr. Hermann Lindrath geschaffene Interregnum ist beendet. Neuer Schloßherr ist Dr. Hans Wilhelmi, seines Zeichens Rechtsanwalt und Notar und – seit kurzem – Minister für den wirtschaftlichen Besitz des Bundes. Daß sich der neue Bundesschatzminister dort wohl fühlt – kein Wunder. Denn das Haus Carstanjen gilt in der Bundeshauptstadt als das am schönsten gelegene Minister rium.

Aber was zählt das schön in einem Ministerleben? Der tägliche Terminplan eines Bundesministers enthält in der Regel keine Mußestunden, in denen zum „Privatisieren“ Zeit wäre. Dr. Wilhelmi ist freilich fest entschlossen, nicht zum Sklaven seiner neuen Ministerwürde zu werden. „Ich wünsche mir“, so erzählt er und zeigt auf die Tür seines Ministerbüros, „daß sie recht oft viele Stunden fest verschlossen bleiben wird.“ Wir denken dabei allerdings an einen anderen Bundesminister, der 1957 sein Amt antrat und seinen Mitarbeitern erklärte, daß er frühestens in den späten Vormittagsstunden mit fachministeriellen Problemen behelligt zu werden wünsche. Von diesem gewiß guten Vorsatz, der sich eines „politischen“ Ministers so recht geziemt, ist in jenem Falle nicht viel übriggeblieben. Dieser Minister könnte heute die Nächte gut gebrauchen, um mit seinen Fachproblemen fertig zu werden. Es ist Bundesfinanzminister Etzel.

Wird Bundesminister Wilhelmi der Sprung zum „politischen“ Minister besser gelingen? Wird nicht vielmehr auch er eines Tages das saure Schicksal des „Fachministers“ teilen – trotz guter Vorsätze? Nun – er scheint die Gabe zu besitzen, sich über allen fachlichen Detailproblemen den Blick für das Wesentliche bewahren zu können. Wenn man seine Rechtsanwaltspraxis kennt, die in Frankfurt zu den größten gehört, so weiß man, daß er nicht zu den Leuten gehört, die in ihrer eigentlichen Berufsarbeit ersticken.

Sein Ältester schon ist bereits als Rechtsanwalt in der väterlichen Praxis tätig, der Jüngere bereitet sich gerade auf sein Assessorexamen vor, um dann ebenfalls in die väterlichen Fußtapfen zu treten. Minister Wilhelmi ist nicht der Mann, der das Gefühl hat, alles selbst erledigen zu müssen. Ihn hätte die Tätigkeit in seiner Praxis allein auch nie voll befriedigt. So geschah es, daß er während seiner 35jährigen Anwaltstätigkeit mehr als einmal für niemand zu sprechen war, daß er sich zurückzog und „berufsfremden“ Aufgaben nachging. „Warum soll mir das als Bundesschatzminister nicht mehr möglich sein“, so fragt er. Man habe ja auch Mitarbeiter.

Schon als Student entwickelte der 1899 geborene Minister politische Interessen. Begegnungen mit Stresemann führten ihn in die Politik. Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1933 gehörte Wilhelmi der Deutschen Volkspartei an. Die nationalsozialistische Herrschaft unterbrach, seine politische Karriere. Sofort nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gehörte er zu den Mitbegründern der hessischen CDU und wurde Mitglied des Frankfurter Bürgerrates, später Stadtverordneter und Fraktionsvorsitzender der CDU in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Aktiv betätigte sich Dr. Wilhelmi auch im kirchlichen Leben. Schon vor 1933 war er Mitglied der Synode der damaligen Landeskirche in Frankfurt/Main, 1934 Mitbegründer der bekennenden Kirche und Mitglied des Bruderrates für die inzwischen neugebildete Landeskirche in Hessen und Nassau, Nach Errichtung der Synode der bekennenden Kirche wurde Wilhelmi deren Präses. Seit 1945 ist er Präses der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Mitglied der Synode der evangelischen Kirche in Deutschland.

So vielseitig interessiert will Dr. Wilhelmi auch als Bundesminister bleiben. „Ich habe mich zu diesem hohen Amt nicht gedrängt“, so wird er zu betonen nicht müde, Schon sein Einzug in den Deutschen Bundestag im Jahre 1927, so pflegt er gern zu erzählen, war ein „reines Versehen“. Er hoffte sich an 20. Stelle der Landesliste an „sicherer“ Stelle und wurde durch den überwältigenden CDU-Wahlerfolg in Hessen selbst am meisten überrascht.