Prämienbegünstigter Amtsschimmel

„Es ist soweit, Ihr prämienbegünstigten Sparvertag soll bereits die ersten Früchte tragen...“ Oder auch nicht, wenn nämlich Sie vergessen haben sollten, den „Antrag auf Gewährung einer Sparprämie für das Kalenderjahr 1959“ rechtzeitig abzuschicken. – Sie haben ihn bekommen, „verehrter Sparer“, durch Ihr fleißiges Kreditinstitut, mit einer freundlichen Anforderung und vielleicht auch mit freundlicher Zuleitung zur Behandlung der Fragen.

Es gibt Menschen, die leben von Fragebogen, andere könnten ohne sie leben, wieder einige sterben an Fragebogen. Sie haben seinerzeit einen Sparvertrag unterschrieben, der Ihnen für die Einrichtung eines Kontos mit eisern (nehmen wir den Ausdruck als entnazifiziert) eingehaltener 5jähriger Sperrfrist eine Prämie von 20 v. H. per Anno garantiert. Darin gab es einen Paragraphen, der Sie zu dem nun fällig gewordenen Antrag verpflichtet. Es hieß, daß Sie den Antrag bei Ihrer Bank abzugeben hätten, die im dann dem Finanzamt zuleitet. – Und jetzt ärgern Sie sich,

a) über das Ausfüllen eines Fragebogens mehr – an sich schon;

b) daß Sie Ihrer Bank nun außer Ihrer finanziellen

Situation auch noch zur Einsicht eröffnen müssen, wann Ihre Frau Geburtstag hat, daß Sie evtl. mit ihr im Kalenderjahr 1959 getrennt gelebt haben, ferner, wie es mit dem Kindschaftsverhältnis Ihres Filius oder ihrer Filia bestellt ist, ob ehelich, eheliches Stiefkind, für ehelich erklärtes Kind, Adoptivkind, Pflegekind oder – ja, lieben Sie die Definition „uneheliches Kind, jedoch nur im Verhältnis zur Mutter“?

c) über die Gretchenfrage nach prämienbegünstigten Sparverträgen bei anderen Kreditinstituten. – Ja, Himmel, erzählen Sie Ihrem Kolonialwarenhändler, wieviel Sie bei seiner Konkurrenz kaufen?

Es gibt, wie gesagt, Leute, die leben von Fragebogen – die sollen sie auch unbenommen haben. Für die anderen wäre mein Vorschlags Bei Abschluß eines Sparvertrages gibt Herr XYZ sein Finanzamt und seine Steuernummer der Bank zu Protokoll. De Bank reicht eine Durchschrift des Vertrages an das Finanzamt und erhält dafür eine Bestätigung (amtsdeutsch „Verfügung“). Nun kann es losgehen mit dem prämienbegünstigten Sparen. Bei vorzeitiger Kündigung, bei Unterbrechungen, Vorfinanzierungen, Abtretungen, Beleihungen – soweit ruchbar geworden–, meldet die Bank, auftragsgemäß und mit dem Sparer vertraglich vereinbart, dies dem Finanzamt, das angegeben wurde und die Bestätigung (Verfügung) schickte. Dort wird man gewißlich Rat und Tat wissen, wie man dort ja eh’ über unsere Familiensorgen aktenkundig Bescheid weiß. R. G., Gießen