J. K. Paris, Anfang Mai

Das staatliche französische Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien hat kürzlich die Ergebnisse einer Untersuchung über die Entwicklung der Lohnkosten in den wichtigsten europäischen Industrieländern und in den USA veröffentlicht. Die Studie scheint mit außerordentlicher Gründlichkeit und großer Objektivität durchgeführt worden zu sein. Sie hat deshalb nicht nur in französischen und anderen europäischen Wirtschaftskreisen, sondern auch bei internationalen Organisationen starke Beachtung gefunden.

Aus der Untersuchung geht hervor, daß während der letzten Jahre die Lohnkosten in konstanten Preisen (auf Dollarbasis) in der Bundesrepublik von allen europäischen Industriestaaten am stärksten gestiegen sind, daß sie sich in den übrigen europäischen Industriestaaten – mit Ausnahme Frankreichs – ebenfalls, aber weniger erhöht haben und daß sie in Frankreich praktisch stabil geblieben sind. Die französische Wett- – bewerbsposition hat sich also unter dem Gesichtspunkt der Lohnkosten zwischen Oktober 1957 und April 1959 – für welche Periode die Untersuchung vorgenommen wurde – erheblich verbessert, und zwar einerseits infolge der Währungsabwertung vom Dezember 1958 und andererseits infolge der seit Anfang 1959 von der Regierung eingeschlagenen strengeren Lohn- und Preispolitik. Dafür mußte die Bevölkerung allerdings eine Verminderung der Kaufkraft in Kauf nehmen, die von offizieller Seite Anfang 1960 auf ungefähr 5 v. H. bis 6 v. H. im Vergleich zu Anfang 1957, von Arbeitnehmerseite aber auf 10 bis 12 v. H. beziffert wird.

Obwohl die Lohnkosten nur einen Teil der Gestehungskosten ausmachen, der je nach cem Industriesektor allerdings sehr unterschiedlich ist, kann nicht bezweifelt werden, daß die außerordentliche Verbesserung der französischen Handelsbilanz im Laufe der letzten beiden Jahre zum Teil diese Verminderung der Lohnkosten zur Ursache hat. Dies wird durch folgende Vergleichszahlen sehr deutlich: Im Oktober 1958 – also kurz vor der Franc-Abwertung und dem entscheidenden Sprung der europäischen Industriestaaten in die Währungs-Konvertibilität – verhielten sich die Lohnkosten (d. h. Barlohn plus gesetzliche und freiwillige Soziallasten) in den großen europäischen Industriestaaten pro Arbeitsstunde in US-Dollar wie folgt:

Schweden 1,06; Frankreich 0,79; Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien und Schweiz 0,76; Belgien 0,73; Italien 0,60; Niederlande 0,57.

Im April 1959 lag immer noch Schweden an der Spitze mit einem Stundenlohnsatz von 1,08; gefolgt von der Bundesrepublik mit 0,78; Großbritannien 0,77; Schweiz 0,76; Belgien 0,73; Frankreich 0,71; Italien 0,60 und den Niederlanden mit 0,57. Im Vergleich zum Oktober 1957 sind nach der französischen Studie die Lohnkosten in der Bundesrepublik Deutschland von 0,70 auf 0,76 im Oktober 1958 und 0,78 im April 1959 gestiegen, während sie in Frankreich zwar von 0,71 im Oktober 1957 auf 0,79 im Oktober 1958 gestiegen aber bis April 1959 auf 0,71 zurückgegangen sind. Seither dürften die französischen Löhne im Durchschnitt um kaum mehr als 4 bis höchstens 5 v. H. gestiegen sind. Die Wettbewerbslage für die französische Wirtschaft hat sich also keineswegs verschlechtert, insbesondere nicht gegenüber der westdeutschen Industrie. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein.

Aus der Untersuchung geht auch hervor, daß der Anteil der Soziallasten am Lohn in den meisten Ländern während der letzten Jahre stärker als in Frankreich – wo er fast unverändert geblieben ist – gestiegen ist. Die Soziallasten haben also die Tendenz, sich dem französischen Niveau anzunähern, so daß die französischen Forderungen einer Harmonisierung dieser Lasten innerhalb der EWG viel an Gewicht verloren haben, insbesondere, soweit diese Forderungen an den Hauptpartner und -konkurrenten, die Bundesrepublik, gerichtet waren.