Die Wirtschaft der Saar ist nach dem wirtschaftlichen Systemwechsel vom 6. Juli 1959 einem Patienten vergleichbar, der zwar die Operation glücklich überstanden hat, aber noch immer das Bett hüten muß. Dank der guten Konjunktur und der vorsorglich eingerichteten Übergangszeit sind allzu große Störungen und Schäden zunächst vermieden worden. Freigewordene Arbeitskräfte hat die auf Hochtouren laufende Hüttenindustrie größtenteils aufgenommen.

Damit ist bereits angedeutet, daß im Bereich der verarbeitenden Industrie alles in allem gesehen die Räder sich nicht mehr so schnell drehen wie beispielsweise noch im ersten Halbjahr 1959, das allerdings wegen der bevorstehenden wirtschaftlichen Rückgliederung vielfach im Zeichen einer übernormalen Geschäftstätigkeit stand. Verschiedene Betriebe der Konsumgüterindustrie haben wegen starker Absatzverluste auf dem einheimischen Markt bereits Kurzarbeit eingeführt, um ihren Belegschaftsstand zu halten. Auch die Investitionsgüterindustrie verfügt trotz der guten Nachfrage im übrigen Bundesgebiet vielfach über unbeschäftigte Produktionsanlagen.

Die Umsätze der verarbeitenden Industrie haben sich im zweiten Halbjahr gegenüber dem ersten Halbjahr 1959 von 1,15 Mrd. DM auf rund eine Mrd. DM verringert. Auffallend stark rückläufig waren die Verkäufe nach Frankreich, die vor allem wegen der bürokratischen Grenzabfertigung nur noch 260 Mill. gegen 400 Mill. DM erreichten. Das führte zu einer Ausnutzung der Liste B (zollfreie Warenlieferungen der Saar nach Frankreich) von nur 53 v. H., während die Kontingentliste A (französische Gegenlieferungen ins Saarland) im zweiten Halbjahr 1959 sogar zu nur 46 v. H. ausgenutzt wurde. Demgegenüber erreichten die Verkäufe ins übrige Bundesgebiet immerhin 17,1 v. H. des Gesamtabsatzes, gegen 14,1 v. H. im ersten Halbjahr und 8,3 v. H. im Jahre 1958.

Dennoch warnen Sachkenner vor einem Abbau der Übergangshilfe (gegenwärtig sechs v. H. des Wertes der Lieferungen in die übrigen Bundesländer). Die Saarwirtschaft bedürfe noch etwa: für zwei bis drei Jahre der Absatzförderung sowie der Steuer- und Kredithilfe, bis sie restlos in die deutsche Wirtschaft integriert sei.

Die bisherigen Erfolge auf dem Markt des übrigen Bundesgebietes sollten in der Tat nicht darüber hinwegtäuschen,wie schwieriges ist,eine neue Ware auf einem Markt einzuführen, der über ausreichende Kapazitäten verfügt. Das erfordert erhebliche Werbemittel; ferner verlangen deutsche Händler von der Saar ungewöhnlich hohe Einführungsrabatte.

Viele Betriebe der Verarbeitung sind angesichts des stark rückläufigen Frankreichgeschäfts und unbefriedigender Verkäufe auf dem einheimischen Markt in großer Sorge. Die Ertragslage hat sich vielfach verschlechtert, zumal verschiedene Kosten im DM-Raum angestiegen sind. So entstehen der verarbeitenden Saarindustrie allein durch die höheren Eisenbahntarife jährliche Mehrkosten von annähernd 20 Mill. DM. In der Eisen- und Metallverarbeitung hat sich die Absatzlage vornehmlich durch das unbefriedigende Frankreichgeschäft in den letzten Wochen derart zugespitzt, daß die Landesregierung angerufen wurde. Ein Ausweichen auf zollbelastete Lieferungen an die Franzosen ist nach Angaben des Verbandes wegen des französischen Preisgefüges nicht möglich; ebenso stößt die Ausweitung der Verkäufe in die sonstigen Exportländer auf erhebliche Schwierigkeiten. Bei teilweise ungenügenden Erlösen ging der Umsatz nach Frankreich seit dem Tag X um 22 v. H. zurück. W. G.