A. M., Paris, im Mai

Inmitten der für den Westen recht beunruhigenden Wirren Nordafrikas bot bisher die Haltung Tunesiens und seines Staatschefs Habib Burgiba eine der wenigen Lichtblicke. Burgiba ist bis heute nie der in der arabischen Welt so naheliegenden Versuchung erlegen, eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West zu treiben. Der „Burgibismus“, den er gegen alle Verlockungen bequemer Radikalität durchgehalten hat, war ja von Anfang an eine eindeutige Option für den Westen – wenn auch, wie sofort hinzugefügt werden muß, für einen Westen, der sich kolonialistischer Reflexe entledigt hat.

Das muß man sich vor Augen halten, wenn man die Bedeutung einer Meldung der letzten Woche verstehen will: Zur gleichen Zeit, als sich General de Gaulle in Amerika zur Rückkehr nach Frankreich aufmachte, gab die tunesische Botschaft in Paris bekannt, daß Tunis und Moskau demnächst Botschafter austauschen werden. Daß dieser Vorgang mit de Gaulles Amerika-Reise im Zusammenhang steht, ist wohl kaum zu bestreiten. Kurz vor der Ankunft de Gaulles in Washington hatte Burgiba (und notabene auch der König von Marokko) dort eine Botschaft überreichen lassen, in der er den Gastgeber des französischen Staatschefs bat, in den Gesprächen mit dem Gast das Thema Algerien nicht zu vergessen. Und das war keineswegs eine Einmischung in fremde Angelegenheiten: Solange Burgiba zwischen dem immer radikaler werdenden FLN und den von einer Rückeroberung Tunesiens (als „Voraussetzung für den Endsieg in Algerien“) träumenden französischen Ultras eingekeilt ist, kann er seinen jungen Staat nicht konsolidieren.

De Gaulle ist dann in den USA drüben doch nicht mit dem unangenehmen Thema Algerien belästigt worden. Die Vertreter Tunesiens und Marokkos aber haben zu spüren bekommen, daß es in den Augen der Herren von Washington weniger auf sie ankommt als auf Moskau, Jedermann weiß freilich, daß sich Moskau schon seit langem – und erst recht vor der Gipfelkonferenz – ängstlich hütet, aus Frankreichs Algerien-Sorgen Kapital zu schlagen.

Nun, Burgiba hat aus dieser Erfahrung die praktische Konsequenz gezogen: Wenn es nur auf Moskau ankommt, so ist es allerdings höchste Zeit, einen tunesischen Botschafter dorthin zu schicken...