„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – so hieß der aufsehenerregende Roman des Sowjetrussen Wladimir Dudinzew, der nach der auszugsweisen Veröffentlichung in der mutigen kulturpolitischen Zeitschrift „Nowy Mir“ (Neue Welt) als Buch 1957 zuerst außerhalb desOstblocks erschienen war. In Deutschland sind bisher mehr als eineMillion Exemplare davon verkauft worden. Bemerkenswert fanden die westlichen Kritiker indessen nicht die literarische Qualität dieses Bestsellers, sondern den „Protest eines Individuums gegen das Managerkollektiv der Sowjetbürokratie“. In der Tauwetterstimmung nach Stalins Tod wurde Dudinzew in seinem Land zuerst gelobt, bald jedoch heftig getadelt. Kürzlich nun erinnerten sich seiner wieder die Redakteure des „Nowy Mir“; sie druckten seine jüngste Arbeit ab, die–so meint man hierzulande – trotz der Verschlüsselung noch deutlicher in der politischen Kritik ist als der Roman. DIE ZEIT veröffentlicht das „Neujahrsmärchen“ hier zum erstenmal in deutscher Sprache.

In einer phantastischen Welt, in einem Märchenland lebe ich, das ich mir in meiner Phantasie erschuf. Die Menschen erleben dort die seltsamsten Dinge, und ich selbst bin an ihren Abenteuern beteiligt. Davon will ich jetzt erzählen. Da der Mensch den Geschichten, die am ersten Tage des neuen Jahres erzählt werden, besonders aufmerksam lauscht, möchte ich diesen Tag nicht ungenutzt verstreichen lassen. Ich habe davon zu berichten, wie übel die Zeit uns manchmal mitspielt. Die Zeit ist ohne Grenzen, sie ist immer und überall spürbar. Aber bitte, auch in dieser Märchenwelt kann man seine Uhr nach dem Zeitzeichen des Moskauer Senders stellen. Deshalb auch kann ich es wagen, diese Geschichte zu erzählen: Man muß immer mit Neugierigen rechnen, deren konkrete Welt mit meiner, die nur erdacht ist, nicht übereinstimmt.

Eines Tages kam ein seltsamer Vogel in unsere Stadt geflogen – es war eine Eule. Sie flog zu einigen Häusern in der Stadt; als ersten besuchte sie meinen Vorgesetzten, den Chef des Laboratoriums zur Erforschung der Sonnenstrahlen, an dem ich arbeite. Dann flog sie zu meinem Schulfreund, einem Doktor der Neuropathologie. Und dann kam sie zu mir. Ein merkwürdiger Vogel war das. Es hatte sich schon gelohnt, seine Lebensgewohnheiten genauer zu erforschen und womöglich ein Bild von ihm in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Ich hatte damals bereits mehrere wissenschaftliche Arbeiten über bestimmte Eigenschaften des Sonnenlichtes publiziert. Mir war ein wissenschaftlichen Grad verliehen worden. Ich war beratendes Mitglied in einigen Kommissionen, und ich versuchte, mich so würdevoll wie möglich zu benehmen. Ich ahmte die Gepflogenheiten der ehrwürdigen alten Herren nach, ging, genau wie sie, mit erhobenem Haupt umher, dachte lange und mit bedeutender Miene über die Fragen nach, die man mir stellte, und gab, genau wie sie, mit hochgezogener Augenbraue und melodisch singender Stimme kund, was ich tief in meinen Gedanken als Antwort gefunden hatte. Außerdem gewöhnte ich es mir an, meinen teuren Mantel pfleglich zu behandeln. Es gab nämlich in unserem Arbeitsraum Schränke, und ich machte es genau wie die alten Herren und kaufte mir einen hölzernen Kleiderbügel, den ich mit meinen Initialen verzieren ließ.

Ich bin ein Mensch, dem einige bescheidene Talente mitgegeben sind. Ich folgte dem Rat eines Akademikers und gewöhnte es mir an, unerwartet in mir aufkommende Gedanken zu notieren. Es ist ja wohl allgemein bekannt, daß man die wertvollsten Ideen nicht beim stundenlangen Sitzen hinter dem Schreibtisch hervorbringt. Die besten Gedanken kommen wie ein Windstoß, während man spazierengeht. Ich notierte sie mir und vergaß sie dann wieder. Unsere Aufwartefrau aber wußte, daß ich in den Schubfächern meines Schreibtisches so allerlei Papierchen bewahrte, die wie Zunder brennen. Und so entrümpelte sie von Zeit zu Zeit meinen Schreibtisch und heizte mit meinen Papieren den Ofen an.

Aber unter dem Mantel der Würde verbarg sich in mir ein Kind (wie übrigens im Innern meines Chefs, des hochgelehrten Doktors, sich auch so ein Kind verbarg). Dieses muntere Kind kam hin und wieder zum Vorschein, besonders abends, wenn wir, die wir Junggesellen waren, in unserem Wohnraum vor dem Fernsehschirm saßen und mit weit aufgerissenen Augen stundenlang starr auf der bläulich flimmernden Scheibe die Aktionen unserer Fußballhelden verfolgten.

Sie sehen, ich urteile über mich selbst, ohne mich zu schonen. Ich enthülle meine Wesenszüge und Eigenschaften vor meinen Mitmenschen und bin mir selbst gegenüber ein strenger Richter. Kürzlich aber fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und zwar an dem Tage, als mich die Eule besuchte. Sie hat mir die Augen geöffnet, und ich bin ihr dankbar dafür.

So habe ich beispielsweise in meinem Streit mit einem gewissen in der Provinz ansässigen S., korrespondierendem Mitglied der wissenschaftlichen Akademie, meinen Standpunkt vollkommen verändert. Dieser Mann hatte vor fünf Jahren in einem Aufsatz eine bekannte Druckschrift von mir als Frucht müßiger Spinnereien bezeichnet. In meiner Erwiderung habe ich die grundsätzliche Erkenntnis dieses Mannes widerlegt und den, wie ich glaube, sehr treffenden Satz geschrieben: „Dies aber war es, was der wissenschaftliche Kandidat S. vergeblich zu beweisen versuchte.“ Mir war natürlich bekannt, daß er den gleichen wissenschaftlichen Grad hatte wie ich. Er ist zwar korrespondierendes Mitglied, aber eben doch nur Kandidat.