Von Wolfgang Koeppen

Ein Junge wächst in einem oberschlesischen Dorf auf, an der polnischen, an der tschechoslowakischen Grenze – enge Kammern, kleine Gärten, die preußische Volksschule und königliche Gendarmen. Der Guts- und Standesherr, der Fürst Lichnowsky, nimmt sich des Knaben an, holt ihn in seine Kanzlei, und der Horizont weitet sich plötzlich, die Welt ist groß, die Unruhe ist da, das „Berliner Tageblatt“ und die „London Times“ und Hardens „Zukunft“ kommen mit dem Landbriefträger. Kritik am stolzen Kaiser und die Ahnung kommenden Unheils frißt sich ins Herz.

Aus solcher Herkunft und zufälliger Gunst kann man ein Winckelmann, ein Hebbel oder ein Revolutionär werden, der dem Kaiser, dem Standesherrn und dem Gendarmen den Kopf abschlägt. August Scholtis wurde ein Schriftsteller, der den Revolutionären Argumente in die Hand gibt, ein Revolutionär, der als Schriftsteller der Tradition verbunden bleibt. Er erzählt uns jetzt sein Leben, aber er offenbart sich nicht wie Rousseau. Eichendorff und die Fürstin Lichnowsky mildern die Bitterkeit, und aus der fürstlichen Kanzlei blieb Scholtis ein Hang zur historischen Betrachtung, zur Kritik am leider schon Geschehenen; kein schmetterndes Clairon für ein Revolutionslied –

August Scholtis: „Ein Herr aus Bolatitz“; Paul List Verlag, München; 460 S., 18,80 DM.

Seine Beschreibung von Bolatitz, die Schilderung der Heimat, des Grenzgebietes, des Slawisch-Deutschen, der ländlich-armen, fürstlich-reichen Verhältnisse, das Bildnis einer Dorfjugend vor und während des ersten Weltkrieges hat die Patina der Erinnerung und die Schönheit der Dichtung. Diese Kapitel gehören zu den großen Selbstdarstellungen und tragen zum Verständnis der deutschen Geschichte bei; sie deuten auf eine besondere, sonderliche Weise und von innen her den Einsturz des Reichsgebäudes.

Scholtis trat in die Literatur ein. Er kam nach Berlin, er hatte das Glück, daß Samuel Fischer, der alte Schatzsucher, seinen ersten Roman „Ostwind“ verlegte. Ein höchst gelungenes, ein eigenwilliges, ein aggressives Jugendbuch! Ruhm im Blätterwald. Düsteres Gewölk am politischen Himmel.

Der-Sturm von 1933. Scholtis war in die Gilde der Literaten aufgenommen. Er hätte emigrieren oder er hätte zu Goebbels gehen können. Überall wäre er mit offenen Armen empfangen worden. Scholtis blieb in Berlin und pfiff auf den Propagandaminister. Er schlug sich durch, tarnte sich und tarnte sich nicht, schrieb und schrieb nicht ganz das, was er hatte schreiben wollen, pflegte jüdische Freundschaften, schrie schlesisch-schweijkisch „Heil Hitler“, hungerte, hatte Schwierigkeiten, entkam ihnen grotesk, überlebte, wurde Mitglied der Akademie und ein prächtiger Sonderling. Das ist seine Stärke. Ich glaube, er könnte einen neuen deutschen Schelmenroman schreiben. Das ist aber auch seine Schwäche. Er verbeißt sich in Zank und Nebensachen. Seine große Begabung wurde niemals richtig gepflegt. Die Zeit war nicht danach, und nach dem Kriege galt Scholtis als „schwierig“. Aber sollte es nicht jedes Verlegers Ehrgeiz sein, einen schwierigen Autor zu haben?