Von François Erval

Wenn zwei so bedeutende Schriftsteller wie Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau unaufgefordert ihre Begeisterung für das Erstlingswerk eines unbekannten Regisseurs aussprechen, dann ist diesem Film der Erfolg schon sicher. Sartre war vorsichtig und begnügte sich damit, „A bout de souffle“ (Außer Atem) als „sehr schön“ zu bezeichnen. Cocteau hingegen erklärte ohne jede Einschränkung, daß es sich um ein „Wunder“ handle. Tatsächlich war die allgemeine Ansicht in Paris, der erste Film von Jean-Luc Godard bedeute einen Markstein in der Entwicklung des französischen Films. Godard hat ihn zusammen mit Truffaut und Chabrol in Szene gesetzt. Die Hauptrollen spielen Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo.

„Die neue Welle“ hatte diesen Erfolg dringend nötig. Ihre letzten Filme waren schon sehr lau aufgenommen worden, und man begann schon an ihrer Zukunft zu zweifeln. Die „alten“ Filmregisseure glaubten schon, sich einer störenden Konkurrenz entledigt zu haben, als sich plötzlich lange Schlangen vor jenem Kino auf den Champs-Elysees bildeten, das diesen Film spielte. Jean-Luc Godard nun ist ein wahrer Vertreter der „neuen Welle“: er ist erst 25 Jahre alt, gebürtiger Schweizer und Sohn eines reichen Bankiers.

Er hat – wie die meisten jungen französischen Regisseure – als Filmkritiker begonnen. Einer der gefürchtetstenMitarbeiter der „Cahier du Cinéma“ der bedeutendsten Pariser Filmzeitschrift, schrieb er verheerende Kritiken, in denen die meisten in Frankreich produzierten Filme unbarmherzig verurteilt wurden. Er bewunderte nur Hollywood, und sein Vorbild war Hitchcock, dessen Einfluß in sei nem Film deutlich spürbar ist.

Jean-Luc Godard erzählt die Geschichte eines „Halbstarken“. Die Handlung ist teilweise autobiographisch; Godard war in seiner Jugend an einem Diebstahl beteiligt. Gefragt, warum er, da er doch genug Geld hatte, an einemVerbrechen teilgenommen habe, antwortete er einfach: „Ich war verliebt und wartete auf ein Mädchen. Ich langweilte mich.“ Dieser kleine Satz könnte als eine Zusammenfassung seines Filmes gelten. Sein Held langweilt sich, und um die Eintönigkeit seiner Existenz zu täuschen, stiehlt er einen luxuriösen Rennwagen. Den Polizisten, der ihn verfolgt, bringt er ohne erkennbare Notwendigkeit um. Einen Augenblick angt hegt er die Absicht, ins Ausland zu flüchten, aber er entschließt sich dann doch, nach Paris zurückzukehren, wo ihn eine junge Amerikanerin erwartet. Er ist unvorsichtig, läßt sich von der Polizei, die ihn sucht, entdecken, und beim Versuch, zu fliehen, wird er getötet. Jean-Luc Godard drehte diesen Film mit sehr bescheidenen Mitteln. Er kannte nur die Handlung in großen Zügen, und er verfügte über kein rich-:iges Szenario. Die Dialoge des Films erfand er, während er die verschiedenen Szenen aufnahm, und seinen Darstellern flüsterte er im Laufe der Handlung die Antworten m. Diese Technik nun hatte ein unerwartetes Ergebnis:„ A bout de souffle“ erweckt den Eindruck, daß das, was auf der Leinwand sichtbar wird, das Leben selbst sei. Sein Realismus ist unvergleichlich direkter als der der neo-realistischen Schule Italiens. Freilich, Godard lernte auch bei den Italienern: zahlreiche stellen wurden auf der Straße gedreht. Er benutzte feierliche Anlässe, wie zum Beispiel den Empfang des Generals Eisenhower in Paris, um eine Liebesszene auf den Champs-Elysees zu zeigen.

Am meisten überraschte indes der Geist dieses Films. Jean-Luc Godard spricht im Namen der jungen Generation, und was er uns zu sagen hat, ist verzweifelt und bitter. Er hat keine Hoffnung, er glaubt an nichts, er verurteilt jegliche Moral. Seit Erich von Stroheim hat wohl kein Filmregisseur einen so absoluten Nihilismus vertreten.