Von der studentischen Pflicht, sich unbeliebt zu machen

Gegen ein Regime, das sich diktatorisch gebärdet, protestieren die Studenten – in der Türkei. Gegen Verfälschung von Wahlergebnissen und gegen die Polizeiherrschaft protestierten die Studenten – in Korea. Gegen den Stalinismus und das Terror-Regiment der KP protestierten die Studenten – in Ungarn.

„... und haben die Studenten vor allem die Aufgabe, positiv zum Staate stehend die Demokratie zu bejahen, indem sie eine vernünftige Haltung einnehmen und sich nicht zu Exzessen hinreißen lassen.“ Solche und ähnliche Leserbriefe erreichten uns, als Thilo Koch von der braven Funktionärs-Routine eines deutschen Studentenkongresses berichtete.

Wohl dem Staate, dessen Jugend so früh schon so vernünftig ist, möchten wir ausrufen. Wenn uns selber nicht so wenig wohl dabei wäre.

Nun besteht sicher im Augenblick wenig Grund für die Studenten in der Bundesrepublik, auf die Barrikaden zu steigen, um gleich die Regierung zu stürzen. Ich habe es vom Herausgeber der kritischsten Zeitschrift, die hierzulande überhaupt, und gar nicht schlecht, existiert: „Es gibt eigentlich nichts, was man in der Bundesrepublik guten Willens und guten Gewissens nicht sagen oder tun dürfte.“

Noch ist das so. Noch gibt es ein Grundgesetz, das uns – von Amerikanern, Engländern, Franzosen mitinspiriert! – die Freiheit der Meinung sichert (und schon wieder viele Leute, denen das gar nicht paßt!). Noch lebt eine Generation, deren Angehörige sich geschworen haben: Ein zweites Mal machen wir es bestimmt nicht mit, daß wenige bestimmen, was alle zu denken und zu tun haben.

Aber wer garantiert uns, daß es so bleibt? Wer wäre kühn genug, zu behaupten, daß in den vergangenen elf Jahren an keiner Stelle der Bundesrepublik jemals der Versuch unternommen worden wäre, mit Macht etwas gegen das Recht oder gegen den Willen der demokratischen Mehrheit durchzusetzen? Und wer hätte bei solchen Anlässen etwas von einem Protest deutscher Studenten gehört?