Übrigens sang sie deutsche, französische, amerikanische Chansons – jeweils nach ein paar erzählenden Worten –, und es waren auch Lieder dabei, die all jene, die Ende der zwanziger Jahre jung waren, mit Seligkeit erfüllten: "Jonny, wenn du Geburtstag hast, bin ich bei dir zu Gast die ganze Na-acht." Ach, Marlene! Hier klang dann zart – wie im Chanson der "Kessen Lola" gebührend grob – auch noch eine Spur Berlinisch mit, wie man’s zwischen Berlin-W und Potsdam spricht, mit einem fast unmerklichen "Zungenanstoßen". Ach, die schöne klare Luft über Babelsberg und überm Wannsee!

War doch, als drinnen Marlene sang, ein junger Mann draußen aufmarschiert mit einem bescheidenen Plakat: "Marlene, hau ab!" oder so ähnlich. Ein Schutzmann hatte es gesehen und gesagt: "Lassen Sie das!" Und da hat er’s gelassen. Drinnen, im Opernhaus, waren 1500 Menschen so gefesselt, so bezaubert, daß die Geschichte von dem Jüngelchen mit seinem Plakätchen draußen ganz unglaubwürdig schien. Ein Lächeln Marlenes, und all diese Geschichten waren weggeputzt.

Sie lächelte im Glitzerkleid und dann auch im Frack ihr schönes, immer noch verführerisches Marlene-Lächeln, das am besten erklärt wird durch eines ihrer Lieder, das sie leider nicht sang: "Nimm dich in acht vor blonden Frauen, sie haben so etwas Gewisses ..." Also: Auffordernde Warnung und guter Rat, es nicht allzu wichtig zu nehmen.

So also war’s: Marlene trat als eine Göttin der Verführung auf, der Rahmen ihrer Schau freilich war äußerst amerikanisch. Weniger wäre (für Hamburg) mehr gewesen. Aber daß jede Geste, jeder Schritt, jede Betonung "saß", alles voraus berechnet, nichts der Improvisation oder der Laune überlassen, das imponierte um so mehr. Sogar die Tatsache, daß der Vamp zuletzt im Frack die Beine höher warf als die Ballettmädchen. "Durften sie nicht oder konnten sie nicht, die armen, bescheidenen Dinger?" Soviel sagten einige Besucher beim Weggehen über das Ballett. Und mehr war darüber auch nicht zu sagen.

J. M.-M.