„Eigentlich war das doch mein Geld“ – Ein westdeutscher Richter: Diebstahl ist Diebstahl

stuck., Köln

Ich habe immer gedacht“, sagt die Frau und macht ein verwundertes Gesicht, „das kann denen im Westen doch nur recht sein, wenn man die drüben schädigt.“ Amtsgerichtsrat Hümmes vom Kölner Schöffengericht ist da anderer Meinung: „Diebstahl ist Diebstahl.“ Das Urteil: 450 Mark wegen Unterschlagung in Tateinheit mit Untreue. Die Frau begreift es noch nicht ganz: „Eigentlich war das doch mein Geld...“

Sie hatte in Halle einen Milchladen. „Es war nicht einfach, 1955 war noch alles ziemlich knapp. Die Privaten hatten es besonders schwer. Wir mußten die Fettmarken zum Beispiel getrennt abrechnen: Butter, Margarine, Schmalz ... Der HO-Konsum in der Nachbarschaft brauchte einfach nur Fett abzurechnen. Dann beklagten sich die Leute bei mir: Da bekommen wir auch schon mal Butter auf die Margarinemarken. Und dann habe ich alten Kunden eben mal was extra zugesteckt...“

Eines Abends kam die Volkspolizei in den Laden, beschlagnahmte die Marken und verhaftete die Inhaberin. „Ich weiß nicht einmal, wieviel Marken es waren, denn ich hatte noch nicht abgerechnet...“ Der Staatsanwalt in Halle errechnete, daß 1000 Liter Vollmilch, 100 Liter Magermilch, 30 Kilo Butter und 100 Kilo Margarine „fehlten“. Wegen Wirtschaftsverbrechens wurde die Frau zu zwei Jahren und neun Monaten Zuchthaus verurteilt. Neun Monate arbeitete sie in der Küche des Zuchthauses Kirchtor. Der Rest der Strafe Wurde ihr erlassen. Laden und Vermögen sah sie indes nicht wieder: Beides war zugunsten des Staates eingezogen worden.

Die Sache mit der Fahne

Die Frau kam bald wieder in einen Laden. Es war aber kein eigener, sondern ein HO-Laden. Und statt den Platz an der Kasse bekam sie nun die Arbeit mit dem Putzeimer zugewiesen. Aber eine tüchtige Geschäftsfrau ist eben auch „drüben“ unentbehrlich. Bald war sie Filialleiterin eines HO-Ladens. Auf die Marken paßte sie nun besser auf.