Breslau, im Mai

Schlesien auf immer polnisch“ – dies war das Schlagwort der Feiern zum fünfzehnten Jahrestag der „Rückkehr Polens in das Gebiet der Oder-Neisse“. Diese Parole leuchtete von Hunderten von Transparenten. Die ganze Landschaft zwischen der ehemaligen polnischen Landesgrenze und der Oder-Neisse-Linie war ein weißrotes Meer von Fahnen, Fähnchen und Spruchbändern. Die patriotische Begeisterung hatte hier noch Formen wie einst im Deutschland der schwarzweißroten Fahnen.

Regierungschef Wladislaw Gomulka und Staatschef Josef Cyrankiewicz legten ihre Festreden in Breslau als große Anklage gegen den schwarzen Mann Adenauer und den einzigen bösen Feind in der Welt an: die „NRF“, die deutsche Bundesrepublik. Dabei zielte Gomulka darauf, Deutschland in seiner gesamten Geschichte als den unentwegten Aggressor und Unruhestifter hinzustellen. In Hitler und den Nazis sah er nur ein Glied in der Kette der Militaristen, die in seinen Augen bei Friedrich dem Großen anfängt und über Hindenburg bis zu – Adenauer reicht: „Der Militarismus ist seit Jahrhunderten das geistige Futter der Deutschen.“ Das Sowjetdeutschland Ulbrichts und Grotewohls schloß er natürlich aus seiner Kritik aus.

jenen Satz des deutschen Generals von Seeckt, den Gomulka zitierte – daß Polen für Deutschland eine Gefahr sei und untergehen müsse – hat er wohlweislich oder aus Unkenntnis nicht zu Ende zitiert. Er lautete nämlich: „Polen ist für Rußland noch unerträglicher als für uns. Kein Rußland findet sich mit Polen ab. Mit Polen fällt eine der stärksten Säulen des Versailler Vertrages, die Vormachtstellung Frankreichs.“ Die Hintergründe der Politik Seeckts waren damals (1922) folgende: Er wollte den Versailler Vertrag durch Zusammenarbeit mit Rußland zum Einsturz bringen und mit dieser Argumentation den Reichspräsidenten Ebert für die geheime militärische Kooperation der Reichswehr mit der Roten Armee gewinnen. Sollte Gomulka von diesen Hintergründen wirklich nichts wissen?

Einerseits warf Gomulka in Breslau dem Bundeskanzler Adenauer vor, er sei „Revanchist und Revisionist“ und rassele mit dem Säbel, andererseits sagte er, daß es nicht im Sinne der Westmächte läge, Deutschland wieder groß werden zu lassen. Wozu dann aber die Aufregung?

Gomulka war nicht zimperlich in seinen Ausdrücken und bezichtigte Adenauer der Dummheit. Aber für so dumm kann er Adenauer doch nicht halten, daß er ihm zutraut, er könnte in einem Zeitalter, in dem sich Machtblöcke gegenüberstehen, ein militärisch schwaches Deutschland ganz allein gen Osten führen. Dennoch sprach Gomulka vom „deutschen Drang nach Osten...“. Wir wissen natürlich in der Bundesrepublik, daß wir noch lange für die Untaten Hitlers und seiner Kohorten im Osten verantwortlich gemacht werden, und wir verstehen, daß das Mißtrauen in Polen immernoch groß ist. Doch so simpel sollte man die Geschichte von Jahrhunderten nicht zur Tagespolitik machen.

Schlesien auf immer polnisch!“ Gomulka versuchte in seiner Rede mit Zahlen zu beweisen, daß auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet (mehr Industrien, mehr Hochschulen!) der deutsche Vorkriegsstand in diesem Land heute bereits übertroffen worden sei. Nun kann man da immer einschalten: Auch bei uns, in Westdeutschland, ist alles größer und schöner geworden nach dem Krieg, und zwar sehr viel größer und schöner als im Osten, und die Zerstörungen waren nicht geringer. Leider aber hat heute in Polen – ebenso wie nach dem ersten Weltkrieg – wieder der falsche Eifer und der gefährlichere Ehrgeiz eingesetzt, den Anspruch auf diese ehemals deutschen Gebiete mit ihrer polnischen Vergangenheit in einer dunklen Frühzeit zu begründen, wobei dann die jahrhundertelange deutsche Zeit dieser Gebiete einfach unterschlagen wird. Man operiert mit solchen Thesen nicht nur in politischen Reden und Geschichtsbüchern, sondern verbreitet sie sogar in deutschgedruckten Prospekten und Reiseführern.

Ein Warschauer Bekannter, ein Erzpatriot und Kommunist, hatte mir erklärt, bevor ich zu dieser „Befreiungsfeier“ nach Breslau reiste: „Mir will das nicht gefallen, daß wir immer so laut betonen, diese Gebiete seien polnisch und würden auch ewig polnisch bleiben. Wenn ich dauernd auf den Mantel weise, den ich anhabe, und beschwöre, daß er mir gehört, wird man leicht auf den Gedanken kommen, ich hätte ihn gestohlen.“ Eka v. Merveldt