Von Walter Abendroth.

Swolange es tue vielumstrittene Kunstgattung „Oper“ gibt, solange verfolgt sie zwei ganz verschiedene Ziele. Um den Vorrang eines dieser beiden Ziele ging immer der Streit. Es ist der Streit um zwei verschiedene Ebenen des Anspruchs, und kennzeichnend für den dabei zutage tretenden Niveauunterschied ist es immerhin, daß die eine Absicht der Oper von je überwiegend vom „Opernpublikum“ vertreten wurde, die andere von den Opernkomponisten. Ja, man darf mit guten Gründen die Seriosität eines Opernschöpfers danach bemessen, ob er der einen oder der anderen Absicht zuneigt, was zugleich heißt: ob und in welchem Grade er vor dem Publikumsgeschmack kapituliert.

Die eine Absicht (die publikumsgerechte) hat sich historisch am sinnfälligsten in den Werken der sogenannten „Großen Oper“ verwirklicht: Hier ist der „Stoff“, die Bühnenhandlung, der dramatische Anlaß nur Vorwand für Ohrenschmäuse, Stimmprotzerei und Dekorationseffekte.

Die andere dokumentierte sich in den Werken der „Musikdramatiker“, die immer wieder als Reformatoren mit gewissen missionarischen Zügen aufzutreten genötigt waren, da es ihnen auf die dramatische Wahrheit ankam – eine Sache, die dem „eigentlichen“ Opernpublikum so völlig gleichgültig ist wie die Rangklasse der beteiligten Musik, wenn diese nur die gewünschte „Stimmung“ produziert. Der Unterschied der zwei Absichten ist eben der zwischen luxuriöser Unterhaltung und künstlerischer Erbauung.

Der „Stoff“ soll und muß schon mehr als ein Vorwand sein. Ja, die Problematik unserer menschlichen Situation im 20. Jahrhundert verlangt sogar auch eine „Problemstellung“ in der Oper. So kam es dazu, daß Brechts tendenziösaktuelles „episches Theater“ – in welchem es ja auf die sozialkritische Moral ankommt – der Gegenwartsoper entscheidende Impulse gab. Bei Kurt Weill entstand daraus ungeschminktes musikalisches Agitationstheater.

Für die Bedürfnisse der seriösen Opernbühne, zu deren ehernen Gesetzen es gehört, daß die Grenze der „Erbaulichkeit“ niemals überschritten werden darf, fand sich die Lösung des „szenischen Oratoriums“. Ein solches war schon Anfang der dreißiger Jahre Claudel-Milhauds Christoph Columbus“; ein solches ist auch Werner Egks „Columbus“, der die neue, zeitgemäße Opernform noch viel entschiedener realisiert. Und der Grund, warum wir hier dieses bald dreißig Jahre alte Werk zum Gegenstand einer besonderen Betrachtung machen: Es wurde jetzt im Münchner Prinzregententheater (Bayerische Staatsoper) in einer so beispielhaften Wiedergabe herausgebracht, daß man beinahe von einer Uraufführung sprechen darf.

Die zeitgerechte Lösung des „Opernproblems“ ist nichts anderes als die Verpflanzung der zeitgemäßesten Übermittlungsform dramatischer Lebenserscheinungen: der Bildreportage auf die Opernbühne.