Schwärmerisch aber wahr, als die Verbindung, die den Skandinaviern nun einmal gegeben ist – so bezeichnete Rainer Maria Rilke im Jahre 1919 gegenüber Katharina Kippenberg den Charakter der Briefe, die ihm seit 1915 eine dänische Dame sandte. Er hatte sie in München kennengelernt, und sie hatte es bald darauf aus eigenem Antrieb unternommen, des Dichters einzigen Roman, „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, in ihre Heimatsprache zu übersetzen.

Diese Arbeit hatte einen sich über Jahre erstreckenden Briefwechsel zur Folge, der zwar nicht besonders umfangreich ist, aber Rilkes Persönlichkeit in gewisser Weise neu erscheinen läßt –

Rainer Maria Rilke – Inga Junghanns: „Briefwechsel“; Insel-Verlag, Wiesbaden; 292 S., 18,– DM.

Der Band ist eine Erstveröffentlichung – und die Korrespondenz ist nicht vollständig enthalten. Aber der Herausgeber Wolfgang Herwig hat in seiner Auswahl dennoch Wesentliches geboten, überdies begründen Anhang und Nachwort, warum einiges fehlt.

Neben dem Linguistischen (vor allem auf den beiden großen, Fragebogen, die Inga Junghanns dem Dichter sandte, um in Zweifelsfällen seiner Auffassung den richtigen Ausdruck zu geben, und deren Beantwortung Rilkes Kenntnis der dänischen Sprache bezeugt) ist es die menschliche Wärme, die den Leser so sehr für die beiden Briefschreiber einnimmt. Nichts Gequältes ist hier zu finden.

Mag sein, daß eine gewisse äußere Ähnlichkeit zwischen Frau Inga Junghanns und Paula Modersohn-Becker bestand, wodurch Rilkes Sympathie erweckt wurde; denn mit der Mitteilung, daß sie den „Malte“ übersetze, hat Inga Junghanns den Dichter erst später überrascht.

Die Zeit der persönlichen Begegnung war kurz. Sie endete nach wenigen Monaten, als Rilke zum Militär eingezogen wurde. Als er im Jahr darauf, entlassen, nach München zurückkehrte, war das Ehepaar Junghanns bereits nach Sils-Baselgia, ins Ober-Engadin, übergesiedelt. Nur noch einmal kam es zum Wiedersehen: 1919 in Sils-Baselgia und Soglio.