Es hat Fälle gegeben, da wurden fliegende Gänse auf dem Radarschirm als Flugzeuge registriert", sagte Chruschtschows Außenminister Gromyko letzte Woche vor dem Obersten Sowjet.

Was die sowjetrussischen Radargeräte am 1. Mai auf ihren Oszillographen registrierten, war keine fliegende Gans. Es war indes auch keine rote Propaganda-Ente, wie es die ersten amtlichen Kommentare aus Washington der Welt weiszumachen trachten. Das schlichte "Wettererkundungsflugzeug", das sich angeblich ein wenig über sowjetisches Gebiet verirrte, weil seinem Piloten der Sauerstoff ausgingen, war, entpuppte sich alsbald als US-Aufklärungsflugzeug in geheimer Spionagemission: Nicht Wolkenbildungen oder Windströmungen sollte es erkunden, sondern sowjetische Raketenbasen und Radaranlagen. Über dem Ural, in der Nähe der Industriestadt Swerdlowsk, wurde es auf Chruschtschows höchsteigenen Befehl durch eine Rakete abgeschossen; den Piloten erwartet ein Prozeß.

Es war recht peinlich, mitanzusehen, wie sich die amerikanischen Sprecher nach der zweiten Rate von Chruschtschows Enthüllung jener Beschäftigung hingeben mußten, für die es im Englischen den schönen Ausdruck gibt: "seine eigenen Worte essen". Am Ende gestanden sie ein, daß der Sowjetpremier im wesentlichen recht hatte. Das US-Aufklärungsflugzeug war am Spionieren, hieß es nun kleinlaut, und reichlich hilflos hieß es weiter, die "übermämäßige Geheimnistuerei" der Sowjets zwinge die Vereinigten Staaten seit vier Jahren zu derlei Erkundungsmethoden, weil sich die Russen Eisenhowers Inspektionsplan der "offenen Himmel" bis heute strikte versagten.Das freilich schmeckte fatal nach der Moral des Bettlers, der meint, er dürfe stehlen, weil ihm seine Bitte um Almosen abgeschlagen worden ist. Und es wurde so auch auf peinliche Weise deutlich, daß das "unbewaffnete Zivilflugzeug" zwar unbewaffnet war, jedoch höchst militärischen Zwecken diente...

Nun verhält es sich beileibe nicht so, als wären die Sowjets in punkto Spionage die reinen Unschuldslämmer. Sie haben da eine gewaltige Sündenliste, und wenn sie selber bisher, soweit man weiß, noch nicht mit ihren Luftaufklärern über amerikanischem Hoheitsgebiet aufgetaucht sind, dann wohl vor allem deshalb, weil ihnen die Bündnis-Geographie erschwert, was sie den Amerikanern erleichtert. Dennoch ist und bleibt der U-2-Flug des Captains Powers eine sträfliche Torheit – zumindest an diesem Zeitpunkt.

Wenn es Dinge gibt, die man unter der einen Voraussetzung tun darf, daß man nicht dabei ertappt wird, so muß auf jeden Fall das Risiko der Entdeckung gegen die Vorteile des unlauteren, Verfahrens abgewogen werden. In diesem-Fall überwog aber das Risiko ganz eindeutig den möglichen Vorteil. Wer in aller Welt könnte auf den unseligen Gedanken verfallen, gerade jetzt, zwei Wochen vor der Gipfelkonferenz, ein Flugzeug quer durch die Sowjetunion zu schicken?

Nicht nur, daß sich die Amerikaner damit in die Armesünder-Ecke bugsiert haben und Chruschtschow eine hohe propagandistische Trumpfkarte in die Hand spielten: sie haben ihre eigene Glaubwürdigkeit mit dem Hin und Her der Dementis und der zögernden Eingeständnisse untergraben. Das ist schlimm genug in einem Zeitalter, da Propaganda die halbe Diplomatie ist. Viel schlimmer ist es indessen, daß sich auch Amerikas Verbündete fragen müssen, wer eigentlich in Washington Entscheidungen solcher Tragweite trifft, ob dort die Rechte überhaupt weiß, was die Linke tut – oder ob es am Potomac gar Mächte gibt, die der offiziellen Politik des Präsidenten bewußt zuwiderhandeln. Und hier liegt der Hase im Pfeffer.

Keiner glaubt zwar heute daran, daß Ost oder West absichtlich einen Krieg auslösen würden. Alle aber. fürchten sich vor dem dummen, schrecklichen Zufall, der das Rad des Unheils ins Rollen bringen könnte: vor dem menschlichen Versagen, der Eigenmächtigkeit eines Subalternen, dem Kurzschluß eines Mächtigen ...