Preis-Lohn-Dilemma in Österreich

J. B., Wien

Auch undurchführbare Ideen erlangen große Publizität, wenn sie von höchster Stelle, wie etwa vom Bundeskanzler, kommen. Die unvermeidliche Abwertung erfolgt dann schonungsvoll in der Weise, daß man die Vorschläge zunächst in verschiedenen Variationen wiederholt und dazu erklärt, man beschäftige sich ernsthaft mit der Angelegenheit. Etwas später gibt man die Anregungen an die zuständigen Körperschaften zur Begutachtung weiter und setzt eigene Ausschüsse oder Unterkommissionen für deren spezielle Bearbeitung ein. Alle diese Institutionen produzieren Schriftstücke verschiedener Art, zuerst in größerer und dann in immer kleinerer Anzahl und in immer längeren Abständen, bis die Sache endlich im Sande verläuft.

Der österreichische Bundeskanzler hatte sich für einen Lohn-Preis-Stopp ausgesprochen. Er hat dieses große Wort in die Debatte geworfen, ohne zu sagen, wie man einen solchen Stopp in der Praxis ohne Notverordnungsrecht und ohne ganze Divisionen von Wirtschaftspolizei durchsetzen wollte. Österreich hat zwar eine einschlägige Spezialbehörde in Gestalt der „Paritätischen Lohn- und Preiskommission“, in der Vertreter von Kammern und Gewerkschaften Vorschläge der Interessenten von Lohn- und Preiserhöhungen auf ihre Berechtigung hin prüfen. Die Stelle arbeitet ohne eigentliche gesetzliche Grundlage mit Empfehlungen; sie hat aber in den letzten Jahren dennoch zur Stabilisierung der Währung beigetragen. Die Wirtschaft konnte Preiserhöhungen von großer Bedeutung – etwa für Eisen und Stahl – nicht ohne Befragung der Kommission durchsetzen; ebenso war es bei den Lohnforderungen. Es war sowohl für die Unternehmer wie für die Gewerkschaften sinnvoll, die Lohn- und Preisbewegungen einer gewissen Kontrolle durch die Kommission zu unterstellen. Natürlich befaßt sich diese Institution nicht mit den zehntausend Preisen des ganzen wirtschaftlichen Sortiments. Die Kommission wäre auch gar nicht fähig, einen Lohn- und Preisstopp administrativ zu bewältigen. Von sozialistischer Seite hat man eine gesetzliche Verankerung der Kommission und eine Klarstellung ihrer Rechte verlangt. Dagegen wehrt sich die Wirtschaft – um allerdings im gleichen Atemzug die Kommission für die Lohnstabilität verantwortlich zu machen.

Auch in Österreich herrscht Überkonjunktur. Insbesondere durch die Einführung der 45-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich sind 1959 die Lohnkosten offiziell um 5 v. H. gestiegen – in Wirklichkeit aber wesentlich mehr, weil die Statistik eine ganze Reihe von Sonderzuschlägen und „Davonlauf-Verhinderungs-Prämien“ gutgehender Betriebe (das sind fast alle) nicht erfaßt. In der Bauwirtschaft, wo die Überbeschäftigung langsam bedenklich wird, hat die Gewerkschaft jetzt etwa 6 v. H. mehr Lohn durchgesetzt. Die wirklichen Löhne liegen allgemein über den Tarifen.

Auch der Verbraucherpreisindex, der 1959 nur eine Steigerung um 3 v. H. anzeigt, entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Er ist sehr stabil, weil er viele subventionierte Lebensmittel enthält und die Mieten nur mit jenem Mindestsatz berücksichtigt, der in Abtwohnungen zu zahlen ist. Die Statistiker werfen sich daher, je nach Interessenlage, gegenseitig die Unzulänglichkeit ihres Zahlenmaterials vor. Tatsache ist jedenfalls, daß die Vollbeschäftigung die Konsumenten gegenüber den Preisen und die Unternehmer gegenüber den Löhnen zu einer übertrieben nachsichtigen Haltung erzogen hat.

Die Lage ist aber wiederum nicht so schlimm, daß man von Inflation sprechen könnte. Die Dynamik ist noch gezügelt und jedenfalls nicht mit einem Diktat in Form von Lohn- und Preisdekreten oder einem Stopp einzudämmen.Die Propagandisten eines Lohn- und Preisstopps müssen sich sagen lassen, daß man zwar nie jeden Preis festhalten, sich aber – mit anderen Mitteln – sehr wohl um die Stabilisierung des Preisniveaus bemühen kann. Die Kommission hat daher Bundeskanzler Raabs Vorschlag abgelehnt.