H. W. Rendsburg

Mit der Historie ist es ein besonderes Ding. Entweder man bat ein Gefühl dafür, oder man hat es nicht. Einige Bürger der alten Festungsstadt Rendsburg freilich sind der Ansicht, daß der Senat ihrer Stadt zuviel für die Historie übrig habe. Sie schrieben einen bitterbösen Beschwerdebrief. Was die wackeren Rendsburger so erboste, war die Tatsache, daß ihre Straße immer noch den sicherlich im Bundesgebiet einmaligen Namen „Pannkokenstraße“ trägt.

Dieser Name sei nicht nur merkwürdig, sondern lächerlich, argumentierten die Briefschreiber. Und überdies würden sie selber damit lächerlich gemacht. Adresse „Rendsburg, Pannkokenstraße“ – nein, das sei mit ihrem Bürgerstolz nicht vereinbar. Und sie schlossen ihren Protest mit der ebenso knappen wie dringlichen Forderung: Her mit einem neuen Namen.

Im Senat war man leicht betroffen. Die Senatoren wollten es den beschwerdeführenden Bürgern zwar gerne recht machen, aber in punkto Historie verstanden sie keinen Spaß. Und so schrieben sie den Bewohnern der „Pannkokenstraße“ einen höflichen Brief des Inhalts, man solle die Geschichte der Heimatstadt doch in Ehren halten. Und der Name „Pannkokenstraße“ sei eben historisch begründet. In jener Straße habe sich dereinst, als Rendsburg noch Festung war, eine Gaststätte befunden, die den schönen Namen „Pannkokenkroog“ geführt habe. Und um die Entstehung des Namens zu erläutern, fügten die historisch bewanderten Senatoren noch hinzu, daß diese Gaststätte die in der Nähe untergebrachten Pioniere mit „Pannkoken“ – neuhochdeutsch: Eierkuchen – beliefert habe.

Bisher haben die um ihre gute Adresse besorgten Bürger noch nicht geantwortet. An einer „Eierkuchenstraße“ werden sie wahrscheinlich auch keinen Gefallen finden.