In der Zeit vom 1. Januar bis 1. April 1961 soll, wie Chruschtschow in seiner Rede vor dem Obersten Sowjet bekanntgegeben hat, eine Währungsreform in der Sowjetunion stattfinden. Für zehn alte (bisher verwendete) Rubel soll ein neuer Rubel ausgegeben werden. Parallel dazu wird der offizielle Wechselkurs des Rubels verzehnfacht; in Zukunft soll ein Rubel 10,50 DM entsprechen. Die Meldungen aus Moskau besagen ferner, daß auch der „Goldgehalt“ des Rubels verzehnfacht werde.

Daraus darf aber nicht geschlossen werden, die Sowjetbürger hätten nunmehr das Recht, ihre Rubel gegen Goldmünzen oder Goldbarren einzutauschen. Vielmehr erschöpft sich die Bedeutung der Heraufsetzung des „Goldgehalts“ darin, daß im Falle von Goldverkäufen durch sowjetische Stellen einer bestimmten Goldmenge ab 1. April des nächsten Jahres nur noch eine Rubelsumme entspricht, die ein Zehntel der bisherigen beträgt. Auch alle anderen Preise sowie die Löhne, Gehälter und Pensionen werden – in Rubel gerechnet – von diesem Zeitpunkt an durch zehn dividiert.

All das erinnert durchaus an die in diesem Jahr eingeleitete monetäre Reform in Frankreich. Der Unterschied besteht vorderhand nur darin, daß die französischen Währungsbehörden beim Übergang vom alten Franc zum „Nouveau Franc“ (oder „schweren Franken“) zwei Nullen bei allen Preisen und Löhnen gestrichen haben, während die Sowjetunion nur eine Null streichen wird. In Frankreich wurde die Währungsreform in erster Linie aus psychologischen Gründen vorgenommen: das Zutrauen zur eigenen Währung soll gestärkt und die Devisenflüchtlinge sollen zur Rückkehr veranlaßt werden – zur Rückkehr aus den Fluchtwährungen Dollar, DM und Schweizer Franken.

Wenn es bei den bisher angekündigten Maßnahmen der sowjetischen Währungsreform bleiben sollte, dann kann man dahinter kaum ein anderes Motiv vermuten, als das, dem Rubel rein numerisch – durch die Annäherung seines Wechselkurses an den der alten Weltwährung, des Pfund Sterling – ein größeres Prestige zu verschaffen. So wie aber im französischen Fall die Währungsreform nicht um ihrer selbst willen vorgenommen worden ist, sondern zur Stärkung der Devisenreserven des Landes am Vorabend eines intensiveren Außenhandels im Gemeinsamen Markt, so könnten auch hinter der russischen Reform noch andere Motive stecken.

Bisher spielt sich der sowjetische Außenhandel im Rahmen bilateraler Verträge ab, die wenigstens im Prinzip einen Ausgleich zwischen Ein- und Ausfuhr der Sowjetunion mit jedem einzelnen Handelspartnerland herzustellen suchen. Der Rubel braucht daher gar nicht eine konvertible Währung zu sein, die man gegen andere Währungen eintauschen kann: grundsätzlich ist der russische Außenhandel mit dem Westen ja Tauschhandel. Nun ist in jüngster Zeit aber oft darauf hingewiesen worden, daß die sowjetischen Goldreserven groß genug sein dürften, um den Rubel zu einer wenigstens für Ausländer konvertiblen Währung zu machen. Zwar sind die russischen Goldbestände nicht genau bekannt; aber glaubwürdige Schätzungen besagen, sie seien nach den amerikanischen die höchsten Reserven eines einzelnen Landes. Es ist daher denkbar, daß die Sowjetunion in Zukunft den Rubel einmal für Ausländer als konvertibel erklärt. Der Außenhandel mit den Russen könnte dann auf Rubelbasis stattfinden; die im Export nach, der UdSSR verdienten Rubel wären im Ausland beispielsweise gegen Dollar und Gold eintauschbar.

Einen Sinn hätte diese Maßnahme allerdings nur dann, wenn die Sowjets zugleich auf das System des bilateralen Austausches verzichten und zum multilateralen, westlichen Handelssystem übergehen würden, bei dem nicht mehr ein Gleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhr im Rahmen des Handels mit jedem einzelnen Land erforderlich wäre, sondern nur noch ein Ausgleich der gesamten Zahlungen in und aus der UdSSR. Von alledem ist heute noch nichts bekannt – wenn auch die deutlichen Bemühungen der Sowjets, sich in Zukunft vermehrt dem Handel mit dem Westen zuzuwenden, mit solchen Vermutungen durchaus vereinbar sind.

Jacques Stohler