Als Präsident Eisenhower vor ein paar Wochen ankündigte, er werde im Sommer seine Rückreise von Moskau einen Tag lang in Südkoreas Hauptstadt Seoul unterbrechen, da galt es noch als ausgemacht, daß niemand anders als Syngman Rhee, der greise „Mr. Korea“, ihn auf dem Flugplatz Kimpo begrüßen werde. Nun aber wird am 22. Juli Rhee in seiner Villa am Stadtrand sitzen – dem „Haus der Pfirsichblüte“ – und darauf warten, daß der amerikanische Präsident wenigstens zu einem Höflichkeitsbesuch hereinsieht.

Im Namen der Republik von Korea, die – ein Dutzend Jahre ist es her – Syngman Rhee gemeinsam mit den Amerikanern aus der Taufe hob, wird ein anderer Mann den Gast aus Washington begrüßen: Huh Chung – Bewunderer, Schüler, Widersacher und Nachfolger des gestürzten Diktators. Nur ein paar Stunden werden die beiden Männer für ihre Beratungen haben, ein sehr knapper Zeitraum, wenn man bedenkt, was alles an Plänen und Wünschen der neue Chefminister dem mächtigen Verbündeten vorzutragen hat. Die Südkoreaner, die in zehn stürmischen Revolutionstagen die Tyrannei, aber auch die einigende Ordnungsgewalt hinweggefegt haben, brauchen nun, da sie die ersten unsicheren Schritte in eine neue Epoche tun, mehr noch als zuvor die schützende Hand der Amerikaner.

Huh Chung, der hochgewachsene Gelehrte mit der ruhigen Stimme und den ausgeglichenen Bewegungen, bekam in dem Augenblick, als die Wirren auf dem Höhepunkt waren, die Zügel der Macht in die Hand gelegt. Ja, das ist bezeichnend für diesen Mann – nie hätte er sie selber an sich gerissen. Zurückhaltend, bescheiden und ganz und gar ohne den brennenden Ehrgeiz des leidenschaftlichen Politikers hat er immer etwas im Hintergrund gestanden. Allerdings gab das Schicksal dem heute 64jährigen auch nicht allzuviel Gelegenheit zur zupackenden Tat.

Als junger Mann gehörte er zu der kleinen todesmutigen Schar koreanischer Studenten, die sich 1919 gegen die japanische Zwangsherrschaft aufbäumte – und brutal niedergeknüppelt wurde. Er verließ das Land, ging nach Frankreich. Jahre später, in New York, gab er die Zeitung der koreanischen Emigranten heraus, ein geachteter Intellektueller, doch nie ein Führer. Dort auch traf er den um zwanzig Jahre älteren Syngman Rhee, der schon damals im fernen Exil der überragende und unangefochtene „Boss“ war. Chung geriet in den politischen Sog dieses stahlharten Fanatikers, mit dem ihm nicht nur der Patriotismus, sondern auch der gemeinsame Glaube verband: Chung und Rhee sind Methodisten.

Als dann die Japaner aus Korea vertrieben waren, was lag da näher, als daß die Gefährten im Exil nun auch zu Gefährten in der Herrschaft wurden? Rhee machte Chung zum Transportminister. Doch bald zeigte sich, daß dieser zwar ein Gefolgsmann, aber kein Höriger war. Über eine sachliche Frage zerstritt er sich mit seinem Meister und ging ins Privatleben, wo er sich an seinem Schreibtisch wissenschaftlichen – Sprachstudien widmete. Nicht lange, da holte Rhee ihn zurück, diesmal als Ministerpräsidenten. Das gleiche Spiel. Aber noch einmal versuchte es der Präsident: Er machte Chung zum Bürgermeister von Seoul.

Damals allerdings vor ein paar Jahren – wurde deutlich, daß Chung nicht mehr bereit war, seinem großen Idol von einst auf dem unseligen Weg in eine immer starrere Diktatur zu folgen. Er war der einzige unter den engen Vertrauten Syngman Rhees, der es wagte, Nein zu sagen, und der in die „innere Emigration“ ging, weil er die gemeinsamen Ideale der Emigrationszeit einer sogenannten Karriere nicht opfern wollte.

So kam es dann, daß jener andere Vertraute, der skrupellose Li Ki-pong, der bedingungslose Ja-Sager, immer mehr Einfluß gewann – bis zu dem Tage, da das Volk gegen ihn aufstand und er von Syngman Rhee, der den eigenen Thron retten wollte, in letzter Minute fallengelassen wurde. Dies war aber auch der Augenblick, in dem der verzweifelte Präsident noch einmal Huh Chung. rief: Als Außenminister sollte er in sein Kabinett eintreten. Und wiederum folgte Chung dem Ruf, stellte sich dem Stürzenden loyal an die Seite, obgleich doch alle politische Taktik dagegen gesprochen hätte.