Von Martin Beheim-Schwarzbach

Michael Tal hat sich im Verlaufe des Wettkampfes um die Weltmeisterschaft gegen Michael Botwinnik als der so deutlich Überlegene gezeigt, daß nach der siebzehnten Partie, die er in prächtigem Stile gewann, nur ein Wunder den bisherigen Weltmeister vor dem Verlust seiner Würden hätte bewahren können. Nachdem dieser dann in der neunzehnten Partie abermals eine Niederlage, seine sechste, einstecken mußte, war am Ergebnis nicht mehr zu rütteln.

Gewiß haben nur wenige darauf getippt, daß der junge Tiger den Elefanten zur Strecke bringen würde. Wahrscheinlich ist Botwinnik nicht gut in Form, bestimmt ist er schon seit der ersten Partie, die er verlor, befangen gewesen; dies ist um so erstaunlicher, als es gerade dieses großen Meisters Spezialität war, immer in Form und von äußeren Störungen unabhängig zu sein: Er hat sich bewußt darauf trainiert, von Lärm und Tabakqualm völlig unbeeindruckt zu spielen.

Die Chancen standen so, daß Tal von jener ersten Partie an (über die wir in der ZEIT am 25. März berichteten) in Führung lag und vor allem seine Jugend mitsamt ihren besseren Nerven für sich hatte: er ist 23, Botwinnik 49 Jahre alt.

Botwinnik verfügt natürlich über die größere Routine und Erfahrung; auch jetzt noch, nach dieser Niederlage, wird man ihn als den tieferen Denker ansprechen müssen, und die Leistungen, auf die er zurückblickt, sind – vom Quantitativen natürlich abgesehen – auch qualitativ denen Tals weit überlegen. Dennoch war er vor dem Jüngeren befangen und spielte unter seiner Stärke; vor allem schien er sich der taktischen Genialität seines Gegners nicht gewachsen zu fühlen. Tal überschüttete ihn geradezu mit Bauernopfer-Angeboten, die er in der Regel nicht annahm, selbst dann, wenn sie relativ harmlos waren – ist doch der um einen Bauern ärmere und um ein, zwei Tempi reichere Tal doppelt zu fürchten.

Freilich sind die Siege Tals gar nicht immer auf taktische Brillanz, sondern oft eher auf ruhiges strategisches Manövrieren zurückzuführen, weshalb man nicht der Legende Raum geben darf, der Jüngere habe den Älteren „nur überrumpelt“.

Die Fälle, wo gerade dies eben doch geschah, sind darum nicht weniger eindrucksvoll, wofür die sechste Partie das interessanteste Beispiel bietet. In anderen Fällen hat Botwinnik durch erstaunlich passives Spiel die umstürzende Kombination des Gegners geradezu herausgefordert (6. und 11. Partie); ein andermal wieder hat er eine klare Überlegenheit (3. Partie) aus der Hand gegeben, um den Gegner mit Remis entschlüpfen zu lassen.