Die neuesten verfügbaren Zahlen und Angaben liefert ein Bericht der UNO über die industrielle Entwicklung in der Türkei von 1926 bis 1956. In dieser Zeitspanne hat sich die Zahl der Angestellten in Betrieben mit zehn und mehr Arbeitern verdreifacht. Die meisten Betriebe arbeiten für den Inlandmarkt; nur etwa 10 v. H. der Produktion werden exportiert. Das Produktionsprogramm konzentriert sich auf Verbrauchsgüter wie Nahrungsmittel, Getränke, Tabak, Textilien und dergleichen, da der Bedarf für diese Waren im Inland groß ist und die Rohstoffe im Lande selber vorhanden sind. Ferner ist die Produktionstechnik hier verhältnismäßig einfach. Dauerhafte Konsumgüter wie Möbel werden zwar ebenfalls hergestellt, aber nur in kleinen Mengen. Außerdem werden Baumwolle, Garne, Papierrohstoffe und Zellulose produziert. Eine eigentliche Maschinenindustrie gibt es in der Türkei nicht. Die Industriebetriebe sind, mit Ausnahme der Zucker-, Düngemittel-, Zement- und Papierindustrie und der Ölraffinerien, klein und beschäftigen weit weniger Arbeitskräfte als es in europäischen Ländern üblich ist.

Seit 1930 herrscht in der Türkei ein System des Staatskapitalismus. Natürlich gibt es nebenbei auch (besonders in der Textil- und Zementbranche) Privatbetriebe, aber im Laufe der Zeit hat der Staat für die Herstellung der meisten Waren ein Monopol erlangt. Seit 1950 versucht man, die Privatindustrie zu ermutigen und Betriebe, die noch vom Staat kontrolliert werden, an Private zu verkaufen – aber es fehlt dabei an kapitalkräftigen Privatunternehmern.

Aktiengesellschaften mit einer größeren Anzahl von Aktionären sind in der Türkei sehr dünn gesät. Die Privatunternehmen sind meist Familienbetriebe. Die Gründung von Aktiengesellschaften ist kompliziert und erfordert eine Genehmigung der Regierung. Die Bevölkerung hat außerdem wenig Vertrauen zu Gesellschaften, in deren Verwaltung sie kaum Einblick bekommen kann. Es fehlen auch Treuhandgesellschaften, welche die Bilanzen prüfen. Das Publikum legt Wert darauf, seine Gelder liquid zu halten. Da es eine Aktienbörse in der Türkei bisher noch nicht gibt, ist es für neue Gesellschaften schwer, Käufer für die Aktien zu finden.

Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich die Zahl der Gesellschaften in den letzten Jahren vergrößert. Die Unternehmerklasse ist jedoch in der Türkei eine neue Gesellschaftsschicht, die noch wenig Erfahrungen in der Verwaltung großer Gesellschaften gesammelt hat. Der Mangel an Kapital erschwert die Einrichtung von Großbetrieben. Außerdem sind Kredite nur gegen sehr hohe Zinsen erhältlich. Hinzu kommt, daß die Produktivität der Arbeiter im Vergleich zum europäischen Standard sehr gering ist. Der Aufbau spezialisierter Industrien scheitert am Fehlen von Fachkräften. Die Transportkosten sind hoch; Energie ist teuer. Aus all diesen Gründen sind die türkischen Waren trotz niedriger Löhne auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Im Inland sind sie durch sehr hohe Zölle geschützt.

Da die Türkei reich an Rohprodukten ist, hat das ausländische Kapital in der industriellen Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt. Wegen der ausgesprochen nationalistischen Wirtschaftspolitik nach 1930 haben aber die ausländischen Unternehmer vorübergehend das Interesse an der Türkei verloren. Im Jahre 1951 wurde ein Gesetz erlassen, wonach erlaubt war, 10 v. H. der Gewinne aus ausländischen Investitionen zu transferieren. Aber diese und ähnliche Maßnahmen lockten nicht genügend ausländisches Kapital ins Land. Daher wurde 1954 ein neues Gesetz herausgebracht, nach dem die Gewinne aus Auslandanlagen frei transferierbar sind. Jedoch sind die Importe von Rohstoffen und Ersatzteilen immer noch stark beschränkt. Die ausländische Kapitalbeteiligung in der Industrie hat sich in der Folge im Jahre 1953 auf £T 26,8 Mill. 1954 erhöht, ging dann aber bis 1956 wieder auf £T 9,6 Mill. zurück. (1 £T entspricht ungefähr 0,5 DM.) In den letzten Jahren wurden mit ausländischem Kapital eine Margarine- und eine Düngemittelfabrik sowie eine pharmazeutische Fabrik aufgebaut. Durch Importe auf Kreditbasis kamen 1956 weitere Gelder im Werte von £T 165 Mill. ins Land. B. J. M.