Italien erwartet im Olympiajahr einen großen Zustrom an Touristen. Allein sechs Millionen Deutsche werden in diesem Jahr das Land besuchen. Die Regierung entfaltet – wie auf einer vom Kuratorium „Wir und die Straße“ organisierten Studienreise festzustellen war – eine bemerkenswerte Aktivität im Straßenbau, nicht nur wegen des zu erwartenden Touristenstroms, sondern auch in Anbetracht der wachsenden Verkehrsdichte, die sich jener der großen europäischen Industrieländer nähert. Der Ausbau des italienischen Straßennetzes hat jedoch auch seine Schönheitsfehler.

In Italien ist man seit einiger Zeit dabei, eine von Mailand nach Neapel führende Straße – genannt „Sonnenstraße“, oder wie die Italiener zu sagen pflegen: „Autostrada del Sole“ – zu bauen. Teilstrecken dieser imponierenden sechsspurigen Autostraße sind bereits in Betrieb. Doch die Gebühren für diese Straße erschienen ungewöhnlich hoch. Wagen der Mittelklasse müssen bei dem Befahren der jetzt freigegebenen Teilstrecken rund 7 Pfennig für den Kilometer bezahlen. Das ist fast doppelt so viel wie der durchschnittliche Kilometersatz der italienischen Staatsbahn. Die Folge ist eine sehr schwache Benutzung der Sonnenstraße.

Italiens Straßenverkehr ist nicht reglementiert. Die Preisbildung im Gütertransport vollzieht sich nach dem freien Spiel der Kräfte. Eine Tarifparität zwischen Schiene und Straße, wie sie z. B. in der Bundesrepublik anzutreffen ist, gibt es nicht. Allerdings wird der gewerbliche Güterfernverkehr kontingentiert, wobei der Verkehrsbedarf das entscheidende Regulativ ist.

Mancherlei Anregungen kann man in Italien für die Sicherheit im Straßenverkehr empfangen. Die Tatsache, daß dort jeder Schulentlassene Verkehrsunterricht erhält, ist ein Vorteil gegenüber dem unzulänglichen Verkehrsunterricht in deutschen Schulen. Dennoch steht Italien in der Unfallhäufigkeit an zweiter Stelle unter den EWG-Ländern (den Unfallrekord hält die Bundesrepublik). Die italienischen Autos sind im Verhältnis zu ihrem Gewicht viel zu schnell. Das neue italienische Straßenverkehrsgesetz sieht daher für Geschwindigkeitsüberschreitungen drakonische Strafen vor. Schon bei Geschwindigkeitsüberschreitungen von 5 km/h kann man mit Haftstrafen bis zu zwei Monaten rechnen.

Für den deutschen Automobilisten in Italien ist es wichtig, zu wissen, daß es dort immer noch keine obligatorische Haftpflicht gibt. Es ist keine Seltenheit, daß bei Zusammenstößen der beteiligte schuldlose ausländische Tourist schließlich nicht einen Pfennig Schadenersatz erhält. Es wäre hier nachgerade an der Zeit, daß sich Italien den europäischen Gewohnheiten anpaßt.

Ein Vorteil gegenüber der Bundesrepublik ist die für das zentrale italienische Straßensystem geschaffene Verkehrspolizei, die der Regierung direkt untersteht und die hervorragend ausgebildet ist. Mit dem neuen italienischen Straßenverkehrsgesetz ist auch der Mopedführerschein eingeführt worden. Jugendliche können diesen Schein bereits mit 14 Jahren erwerben. Es ist vorgesehen, in den neuen italienischen Führerscheinen Strafen einzutragen. Die in der Bundesrepublik umstrittene Untersuchung von älteren Führerscheininhabern ist inItalien obligatorisch geworden. Alle Kraftfahrer über 50 Jahre haben sich jeweils in fünfjährigen Abständen untersuchen zu lassen.

Anders als in der Bundesrepublik ist in Italien nur ein Minimum an Schildern anzutreffen. Während der deutsche Automobilist gewohnt ist, von Schildern geleitet zu werden, fährt der Italiener ausgesprochen gefühlsbetont. Die vielgerühmte schnelle Reaktionsfähigkeit der italienischen Kraftfahrer reicht jedoch nicht aus, um die Folgen ihrer Disziplinlosigkeit im Verkehr zu kompensieren.

In Rom will man während der Olympiade in der Innenstadt Sperrzonen errichten, die später beibehalten werden sollen. Wer Gelegenheit gehabt hat, in Rom mit dem eigenen Wagen zu fahren, konnte sicher feststellen, daß der Verkehr in den Hauptzeiten zusammenzubrechen droht. Zur Zeit wird fieberhaft an Umgehungs- und Zuführungsstraßen für die Olympischen Spiele gearbeitet. Vomtechnischen Gesichtspunkt aus betrachtet ist hierbei der Bau von Straßen auf 30 bis 50 cm hohen Pfeilern bemerkenswert. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, mit vorgefertigten Teilen zu arbeiten, was erheblich rationeller ist, als die althergebrachte Methode des Straßenbaues. Die Vorzüge dieses Systems liegen auch darin, daß Frostschäden vermieden werden. In der Bundesrepublik hat man die Methode bisher nur bei Brückenbauten angewandt. Die Italiener – als hervorragende Straßenbauer bekannt – können mit diesem neuartigen System vorgefertigter Straßenbauteile vielleicht bahnbrechend wirken. – le.