Dublin, im Mai

Das deutsche Wort „Wanderlust“ gehört zum Vokabular der englischen Umgangssprache, ähnlich wie „Kindergarten“. Man hat sich nicht die Mühe gemacht, es zu übersetzen; man wollte ihm das spezifisch Deutsche wohl nicht nehmen. Aber es wäre auch schwergefallen, ein englisches Synonym dafür zu finden. Seine Wahrheit wird der Welt jedes Jahr aufs neue bewiesen, und es dürfte selbst im entlegensten Ort der Erde keine Zweifel mehr geben, daß das Wort „Wanderlust“ deutscher Herkunft ist.

Über den deutschen Bildungshungrigen und Urlauber, der ins Ausland reist, wurde genug gespottet. Mittlerweile hat er gelernt, sich im Ausland höflich und zurückhaltend zu benehmen. Er wird schon wieder gern gesehen, er wird geachtet. Den biersaufenden und skatspielenden, den lederbehosten und lederbemantelten Querschädel gibt es auf dem Markusplatz, in Paris oder auf Mallorca gottlob nur noch selten. Und daß die Hotels auf Sizilien, in Dalmatien und in Athen mehr deutsche als anderer Länder Reisende beherbergen, spricht ja auch nicht unbedingt gegen ihn. Für ihn aber spricht, daß er trotz dieser Mehrheit heute weniger auffällt, als der „Times“-lesende englische Einzelgänger oder der gummikauende Yankee. Mit anderen Worten: Kritiker, die den deutschen Kleinbürger, der ins Ausland reist, immer noch gern hänseln mögen, machen sich verdächtig.

Doch gibt es eine neue Spezies deutscher Auslandsbesucher, die sich in den letzten Jahren wie Parasiten vermehrten. Noch sind sie nicht erkannt, benannt, noch tummeln sie sich, aber dann und wann gehen sie einem bereits auf die Nerven. Sie gehören der jüngeren Generation an, sind aber weder Pennäler noch Studenten. Sie kommen jedoch mit ihren Motorrollern angefahren, nachdem sie sich telephonisch eingeladen haben.

Und schon steht er da, der junge Held, bereit zum kräftigen Händedruck, als hätte man tagelang auf seinen Besuch gewartet, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, daß ein im Ausland lebender Deutscher seinen jugendlichen Landsmann und motorisierten Wandervogel mit offenen Armen aufnimmt und bewirtet, wie seinen in der Fremde wiedergefundenen Sohn. „Nun müssen Sie mir etwas über Irland erzählen“, sagt er dann, wenn er seinen Hunger gestillt hat. Frage ich ihn dann kurz nach seiner Herkunft, seinem Beruf, seinen Absichten, gibt er naiv zur Antwort, daß er die Welt kennenlernen wolle...

Er sagt es, als wäre dies schon Verdienst genug, meine Sympathie zu gewinnen. Als ich nicht gleich begeistert zustimme, fragt er fast überrascht, ob ich ihm denn nicht recht geben müsse, daß dies – im Gegensatz zu den Zielen der Hitlerjugend – ein viel besseres, notwendiges und wichtiges Ideal sei. Ja, ich mußte ihm zustimmen.

Nur einer, der sich geschickt aufs „Nassauern“ verstand? Nein, einer von vielen, die das Unterwegssein wählten, einer von vielen, die es nicht mehr aushalten können; einer von vielen, die dem auf hohen Touren laufenden, überspannten deutschen Wirtschaftsbetrieb entfliehen, aus Angst, in diesen Strom hineingerissen zu werden und zu ertrinken. Und so laufen sie davon und verkünden, sie wollten die Welt kennenlernen. Aus Eichendorffs Wanderlust wurde ein krankhafter, schizophrener Wandertrieb. Aus echtem Fernweh wurde das ruhlose Unterwegsseinmüssen, das Getriebensein der Weltflüchtigen. Er tat mir leid. Georg Rosenstock