Von Rudolf Walter Leonhardt

Was vermissen wir noch? Ernst Kreuder hat (DIE ZEIT Nr. 17/60) den „einspurigen Realismus der Verzweiflung“ im modernen Roman beklagt und ihm den „romanhaften Roman“ entgegengestellt, durch den der Leser – wie einst von Novalis – „hinausgerufen wird in die Konfrontation mit der Unendlichkeit“. Heinrich Böll hat (DIE ZEIT Nr. 18/60) von der Verantwortung des Schriftstellers gesprochen, die nicht nur eine Verantwortung gegenüber seiner Kunst, sondern auch eine Verantwortung gegenüber der Welt, in der er lebt, sein müsse; eine Verantwortung übrigens, die zu tragen – Humor verlangt. Hans Mayer schließlich hat (DIE ZEIT Nr. 19/60) in der ihm eigenen brillanten Weise Böll und Kreuder einbezogen in einen – wie er meint, für keusche Ohren vielleicht anstößigen – dialektischen Dreischritt der Romanentwicklung, der zu neuen Ufern führe, von denen freilich offenbar noch nicht viel bekannt ist außer: daß sie möglicherweise in östlicher Richtung zu suchen sind, wo neue, „schroffe Antithesen“ auf uns warten.

Der Kreis hat sich gerundet – und es ist ein schöner Kreis geworden, ein sehr bemerkenswerter Beitrag zur Theorie des Romans unserer Zeit.

Zweierlei vermisse ich noch. Es wird eines Tages „nachgeliefert“ werden müssen, weil es jetzt den Kreis nur stören würde.

Da hätte ein Avantgardist ohne Reue das Wort zu ergreifen, der sich weder als Fürsprecher der Verzweiflung noch als verantwortungslos verstanden wissen möchte, wenn er – „Charaktere“ und „Entwicklung“ oder „Plot“ im Roman für verstaubte Requisiten des 19. Jahrhunderts haltend – seinen „Text arbeitet“.

Und da wäre manches über die Romane zu sagen, die in der Theorie erst dann einen Platz finden, wenn sie zweihundert Jahre alt sind (wie etwa die Romane von Richardson) – vorerst nennt man sie „Gebrauchsliteratur“.

So konnten wir vor kurzem zum Beispiel lesen: In der nächsten Woche neuer Roman