Von Heiner Koch

Selten genug bei geographischen Bezeichnungen ist: der Schwarzwald hat seinen Namen bereitwillig in andere Sprachen übertragen lassen. Als "foret noir" ist er den Franzosen, als "black forest" den Engländern und Amerikanern bekannt. Wer jemals mit der Bahn oder mit dem Wagen durch die Oberrheinische Tiefebene fuhr, der weiß, wie dieser Name zutrifft. Nicht einmal tiefer Winter und sonnenbeschienener Schnee vermögen dem Schwarzwald, aus der Ferne betrachtet, viel von seiner Schwärze zu nehmen.

Menschen, die sich in den langen Wintermonaten sportlichen Höchstleistungen unterziehen müssen, um zu einem Glas Bier oder zu einem Kinobesuch im nächsten Ort zu kommen, reden nicht viel. Den nicht sehr freundlichen Beinamen "Schwätzer" kann man – so sagen wenigstens Kenner – im Schwarzwald schon bekommen, wenn man mehr als drei zusammenhängende Sätze spricht. Hier lebe ein Menschenschlag, der wortkarg ist, ohne freilich unfreundlich zu sein. Um echte Schwarzwälder zu treffen, darf man allerdings nicht nur in die fast schon mondänen Kurorte Hinterzarten oder Titisee fahren, am Eingang des wildromantischen Höllentals an der Bundesstraße Donaueschingen–Freiburg. Andere Schwarzwaldtäler, etwa das Elztal nördlich von Freiburg im Breisgau, sind nicht minder reizvoll, setzen aber beim Autofahrer ein wenig Gebirgserfahrung voraus. Am besten ist es natürlich, den Wagen irgendwo stehenzulassen und – ganz altmodisch – zu wandern. Zuverlässig durch farbige Rhomben markierte Wanderwege gibt es genügend, ob man sich nur für ein paar Stunden die Füße vertreten und den Kreislauf anregen will, oder ob man den klassischen Wanderweg Freiburg –Bodensee (etwa 140 Kilometer) zu "bezwingen" versucht.

Geheimnisvoll und freundlich wie der Schwarzwald selbst sind die Getränke, die hier gebraut und gebrannt werden. Das hat sich längst herumgesprochen. Da, wo der Hochschwarzwald zur Rheintalebene abfällt, wird der "Markgräfler" angebaut. Diese Weine, nach der alten Markgrafschaft Baden benannt, werden zur Freude der Winzer und zum Kummer der Kenner in immer entfernteren Zonen bekannt, geschätzt, geliebt. Auf den Höhen des Schwarzwaldes wird seit Urzeiten Kirschwasser und Himbeergeist gebrannt.

Unterhalb des Kandels, des 1241 Meter hohen Berges zwischen Freiburg und dem reizenden alten Amtsstädtchen Waldkirch, wächst schließlich der "Glottertäler", der dem gemütlich sitzenden Trinker scheinbar wirkungslos Glas um Glas die Kehle hinabrinnt. Wirkungslos? Na, wenn sich der Zecher zu später Stunde erhebt... Solchen Freuden jedoch sollte sich nur widmen, wer auch einmal auf das Auto verzichten kann. Den passionierten Fahrer verlocken andere Genüsse. Eine Rundfahrt entlang dem Dreieck Freiburg–Titisee–Todtnau zum Beispiel. Durch das Höllental, dessen schmälste Stelle einmal ein Hirsch auf der Flucht vor seinen Jägern übersprungen haben soll – das bronzene Abbild dieses Tieres steht heute hoch über der Ortschaft Hirschsprung auf einem Felsen –, durch das Höllental also geht es schnell zum idyllischen Titisee hinauf, dem kleinen Bergsee, von zahlreichen erstklassigen Hotels und Pensionen umstanden. Dort beginnt die Auffahrt zum 1493 Meter hohen Feldberg. Durch das Tal der Wiese, die bei Lörrach in den Rhein mündet, geht die Abfahrt in südwestlicher Richtung. In Todtnau empfiehlt es sich, nordwestwärts zum Freiburger Hausberg, dem Schauinsland, abzubiegen. Die Schauinslandstraße, mit zahllosen Haarnadelkurven und anderen Schwierigkeiten gespickt, ist Rennfreunden ein Leckerbissen.

Das beste Rezept, das man dem Besucher des Schwarzwaldes geben kann, lautet: Man nehme eine gute Karte, und wo auch immer ein Weg eingezeichnet ist, schlage man ihn ein. Trotz der wenigen Grundmaterialien der Region – Granit, Gneis und Tannen – überrascht hinter jeder Wegbiegung etwas Neues: der Ausblick in ein Seitental, eine stille Lichtung oder, am Sonntag, Bäuerinnen und Mädchen in ihrer alten Tracht auf dem Kirchgang. Ein Imbiß im nächsten Dorfgasthaus – Bauernbrot und Schwarzwälder Speck, auf blankem Holzbrettchen serviert, dazu natürlich ein Glas Kirschwasser – fügt vielen freundlichen Eindrücken einen weiteren schönen hinzu. Sprachschwierigkeiten hat auch der norddeutsche Besucher nicht zu befürchten, denn die höflichen Schwarzwälder bedienen sich des gewohnten Hochalemannischen nur, wenn sie unter sich sind.