Bei den Eisen- und Stahlaktien weidet sich die Börse an den negativen Nachrichten; Meldungen positiver Art (und es gibt ihrer auf der Produktions- und Absatzseite sehr viele) werden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Den Montan-Aktionären stecken die schlechten Erfahrungen der letzten Jahre noch in den Knochen. Völlig vergessen sind dabei die gewaltigen Reserven, die im Zusammenhang mit den Kapitalumstellungen und mit der Entflechtung sichtbar wurden und die so überraschend günstige Ergebnisse für die Aktionäre brachten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Kurse am Montanmarkt heute mehr mit dem Gefühl als mit dem Rechenstift gemacht werden. Tatsache ist, daß die Montan-Konzerne ausgezeichnet verdienen und dies auch in den Abschlüssen für das laufende Geschäftsjahr zum Ausdruck kommen müßte – wenn die Unternehmen nicht dem Zwang einer harten Optik unterliegen würden. Infolgedessen wird sich der gute Ertrag weniger in Spitzendividenden als vielmehr in einer schwierigen meßbaren Substanzanreicherung niederschlagen.

Die Rheinischen Stahlwerke, Essen, haben jetzt den Versuch gemacht, ihre Aktionäre durch eine Substanzausschüttung zu erfreuen. Wie schon früher angekündigt, wollen sie aus dem Verkaufserlös des Dynamit Nobel-Paketes eine Sonderausschüttung von 10 v. H. vornehmen. Daneben gibt es eine auf 12 (11) v. H. Dividende. Aber die Substanzausschüttung findet nicht den Beifall aller Aktionäre und erst recht nicht die Konditionen, die für die Kapitalerhöhung (4:1 zu 180 v. H.) vorgesehen sind, mit der das neue Drei-Jahres-Investitionsprogramm finanziert werden soll. In Börsenkreisen (und auch in Aktionärskreisen) hätte man es lieber gesehen, wenn auf die Sonderausschüttung verzichtet worden wäre – zugunsten eines niedrigeren Ausgabekurses. Für die Gesellschaft wäre das gleiche in die Kasse gekommen und die Aktionäre wären steuerlich günstiger gefahren. So hat sich die Gesellschaft steuerlich auf Kosten ihrer Aktionäre entlastet. Diese Überlegungen dürften es auch gewesen sein, die einen merklichen Druck auf den Rheinstahl-Kurs ausübten.

Im Gegensatz zu den wenig erfreulichen Kursbewegungen am Montanmarkt standen die Kurssprünge bei einigen Zusatzaktienanwärtern. Sie sind zu einem großen Teil berechtigt, denn es hat sich herausgestellt, daß trotz erweiterter Kapitalbasis die alten Dividendensätze zumeist beibehalten (oder sogar noch erhöht) werden, also eine erhebliche Verbesserung der Rendite eintritt. So bleibt die Demag für 1959 zwar bei einer Dividende von 12 v. H., zahlt sie aber bereits auf das im Verhältnis 6:1 durch Ausgabe von Zusatzaktien vergrößerte Grundkapital. Das ist nur ein Beispiel!

Nun sind nicht alle Sonderbewegungen eine Folge der Zusatzaktien. Die Aktienrechtsreform zeigt an der Börse schon heute ihre Wirkung. Der verstärkte Minderheitenschutz sowie andere den Großaktionären lästige Bestimmungen haben neue Aufkäufe eingeleitet. Der Normal-Aktionär muß wissen, daß solche Aufkäufe jenseits aller sonst geltenden Maßstäbe durchgeführt werden und daß es infolgedessen nützlich sein kann, vorzeitig die Segel zu streichen, denn die offiziellen Abfindungsangebote, die auf Gutachten basieren, erreichen begreiflicherweise nicht die Höhe der Kampfkurse.

Von den Ereignissen der Politik nahm die Börse nur am Rande Kenntnis. Nennenswerte Auswirkungen hatte der an Härte zunehmende Ost-West-Schlagaustausch bislang nicht. Das gilt übrigens auch für die neue Mindestreserven-Erhöhung, eine Maßnahme, an die man sich allmählich zu gewöhnen beginnt, soweit es den Aktienmarkt angeht. Bei den festverzinslichen Papieren sieht es natürlich anders aus. Die Rentenkurse lagen verstärkt unter Druck, so daß sich die Chancen für neue Anleihen nochmals verschlechtert haben. Die Banken, die im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Rentenwerte ins Portefeuille nahmen, fallen im Hinblick „auf die ihnen entzogenen Gelder als Zeichner aus – und die Kapitalsammelstellen warten ab, immer in der Hoffnung, daß ihnen bessere Konditionen geboten werden. Erfreulich ist, daß von der harten Politik der Bundesbank auch die öffentliche Hand etwas merkt, denn ansonsten macht sie sich über die Konjunkturentwicklung bekanntlich kaum tiefergehende Sorgen. Kurt Wendt