R. S., Bonn, im Mai

Man hat in Bonn der Gipfelkonferenz seit langem mit großem Pessimismus entgegengesehen. Aber daß sie so schnell scheitern könnte, hat niemand für möglich gehalten. Man hat hier befürchtet, daß sich die Gegensätze an dem Berlin-Problem entzünden würden. Das hätte draußen leicht zur Belebung antideutscher Ressentiments führen können. Man beobachtete daher in Bonn mit Überraschung, daß sich die ganze Wut der Chruschtschowschen Propaganda-Offensive in Paris von Anfang an ausschließlich gegen den Präsidenten Eisenhower und die Vereinigten Staaten richtete. Hat Chruschtschow – so fragt man sich – erkannt, daß der Westen in der Berlin-Frage geschlossen war und einig geblieben wäre und keine Konzession zu machen bereit war, welche die Freiheit Westberlins ernsthaft gefährde? Dann hätte die Konferenz nicht im Sinne Chruschtschows enden können. Vielleicht wollte er sie deshalb, so mutmaßt man hier, mit einem raschen Paukenschlag beenden.

Die Frage, die heute die Regierung wie sämtliche Parteien mit Sorge erfüllt, ist: Was hat der Kreml weiter vor? Was hat es mit den Nachrichten auf sich, daß Chruschtschow – vielleicht nach einer pompös aufgezogenen „Friedenskonferenz“ – nun einen Sonderfrieden mit seinen Pankower Satrapen abschließen wolle? Man hält hier solche Pläne für durchaus möglich. Man sieht natürlich auch, wohin sie zielen würden und welche technischen und juristischen Schikanen einem „souverän“ gewordenen Ulbricht-Regime in die Hände gespielt Verden könnten. Es ginge dabei vermutlich nicht so sehr um die Behinderung der alliierten Truppen auf ihrem Wege nach Westberlin als darum, der deutschen Menschen noch größere Paß- und verkehrstechnische Schwierigkeiten zu bereiten.

Sollten Chruschtschow und die ihn möglicherweise bedrängenden innenpolitischen Kräfte es tatsächlich auf eine solche Kraftprobe abgesehenhaben, dann würde nach Ansicht der maßgebenden Kreise in Bonn eine so explosive Lage entstehen, die uns an den Rand einer Katastrophe führen könnte. Schließlich ist Berlin nicht nur ein Bollwerk, sondern auch ein Symbol der westlichen Welt! Man weiß in allen westlichen Hauptstädten, was für ein Schlag es für das Ansehen der freien Welt wäre, wenn sie sich dieses Symbol durch den Druck der totalitären Mächte wegnehmen ließe. Man könne nur hoffen, so erklärt man in politischen Kreisen Bonns, daß sich auch Moskau des halsbrecherischen Risikos bewußt sei, das in einer solchen Aktion stecken würde. Der Friede kann nicht nur durch den Willen der einen Seite gerettet werden!