Noch sechs Monate bis zu den amerikanischen Wahlen /

Von Felix Morley

Washington, im Mai

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dies der Name des demokratischen Präsidentschaftskandidaten sein: John F. Kennedy. Und es ist gleichfalls wahrscheinlich, daß dieser jugendliche und dynamische Senator, wenn er im Juli von dem demokratischen Nationalkonvent aufgestellt wird, dann auch in der Wahl das Rennen machen wird.

Unpopulärer Nixon

Seit Senator Kennedy bei den Vorwahlen in verschiedenen Staaten gut abgeschnitten hat, sind seine Chancen für den Nationalkonvent gewaltig gestiegen. Besonders eindrucksvoll war sein Erfolg bei den Vorwahlen in West-Virginia. Dort hat er seinen Rivalen Humphrey so klar aus dem Felde geschlagen, daß der Senator aus Minnesota seine Kandidatur zurückgezogen hat. Viele Beobachter hatten vorher geglaubt, daß der Katholik Kennedy in West-Virginia nicht gewinnen könne, einem Staat, wo nur etwa jeder zwanzigste Wähler katholischen Glaubens ist. Jetzt aber hat sich gezeigt, daß die Konfessionsfrage keine solche Rolle spielt, wie man gemeint hatte. Und damit ist eine große Sorge von den demokratischen Politikern genommen, die immer noch befürchtet hatten, Kennedy werde als Präsidentschaftskandidat unter diesem Handicap sehr zu leiden haben.

Ganz anders sehen die Gründe aus, die dafür sprechen, daß Senator Kennedy nach seiner Nominierung auf dem Parteikonvent in Los Angeles auch die Präsidentschaftswahlen gewinnen könnte. Da ist zunächst einmal die Tatsache, daß Vizepräsident Nixon recht unpopulär ist. Und Nixon ist schließlich der Mann, der die allergrößten Aussichten hat, auf dem Parteikonvent der Republikaner in Chikagonominiert zu werden. So begabt Nixon als Politiker ist, er hat eben nicht jene faszinierende persönliche Ausstrahlung, über die Eisenhower verfügt. Gegenwärtig wird Nixon sowohl vom rechten wie auch vom linken Flügel seiner eigenen Partei scharf kritisiert. Eine Reihe von Republikanern meint dabei, der Vizepräsident neige zu einem Flirt mit dem Sozialismus und sei zu sehr bereit, Sowjetrußland entgegenzukommen. Wieder andere Republikaner verdammen ihn aus gerade dem umgekehrten Grunde. Dies ist nun einmal das Schicksal eines Mannes, der in Zeiten einer politischen Krise den mittleren Weg einzuschlagen sucht.