Hamburg, im Mai

Am Tage, an dem in Paris die vermeintliche Gipfelkonferenz begann, standen gegen vier Uhr einige Hamburger mehr als gewöhnlich auf dem Rathausmarkt. Sie blickten gespannt in die Höhe. Ihr Blick galt weder dem imaginären Gipfel noch dem Hubschrauber, der den Platz überflog; er galt den schwarzen Gewitterwolken, die sich zusammenballten und den lange ersehnten Regen in einem Augenblick zu spenden versprachen, da man ihn nun gerade nicht haben wollte. In einer Stunde sollte nämlich hier vor dem Rathaus die große Kundgebung beginnen, zu der das „Kuratorium Unteilbares Deutschland“, der Senat und die Gewerkschaften aufgerufen hatten: „Die Hamburger mögen am Montag um siebzehn Uhr durch ihr Erscheinen auf dem Hamburger Rathausmarkt ihr Bekenntnis zu Berlin und zum Recht der Selbstbestimmung des deutschen Volkes ablegen.“

Vorläufig aber hatten sich nur etwa fünfzig Hamburger auf den provisorisch aufgestellten Bänken Plätze gesichert, und manche von ihnen gaben ihre ersessenen Rechte auf, bevor die Polizeikapelle vor der Rednertribüne erschien und Fanfare blies. Es hatte zu gießen begonnen. Es blitzte und donnerte. Der Umsatz an einer Wurstbude, die ein überhängendes Dach besitzt, stieg gewaltig, die Telephonzellen waren überfüllt von Leuten, die gar nicht telephonierten, und triefende bunte Gartenschirme schlitzten notdürftig die Wochenschau- und Fernsehkameras.

Die Rathaushalle erinnerte an ein improvisiertes Feldlazarett. Medikamente standen auf Tischen, und Schwestern waren damit beschäftigt, über Reihen von Bahren Wolldecken zu breiten. Grauuniformierte Sanitäter des Arbeiter-Samariterdienstes und hellbraun gekleidete der Johanniter-Unfall-Hilfe standen für die Ohnmächtigen der nächsten Stunde bereit. Am Ausgang, der zum Rathaushof führt, standen Ordner mit weißen Armbinden und sahen ins Wetter. Hin und wieder sagte einer: „Es wird schon heller. Bis fünf hört es auf.“

Obwohl noch die letzten dicken Tropfen fielen, als die Rathausuhr fünf schlug, war der Platz dichtgedrängt voller Menschen. Die Polizisten schätzten von ihrem erhöhten Beobachtungsstand aus, daß es reichlich hunderttausend waren. Die Fenster und vielfach sogar die Dächer der Bürohäuser waren dichtbesetzt.

Arbeit und Verkehrsmittel ruhten. In gelassener oder feierlicher Stimmung schienen die Versammelten mehr Zuschauer als Demonstranten zu sein, was die Kundgebung wohl von der in Berlin am 1. Mai unterschied, der sich im Geiste anzuschließen diese bestimmt war. Ihre Forderungen aber waren dieselben: Selbstbestimmung und Wiedervereinigung für die Deutschen.

Als die Klänge der Berliner Freiheitsglocke, die auf Tonband aufgenommen worden waren, vom Hamburger Rathausturm ertönten und auch noch, als Bürgermeister Brauer zu sprechen begann, waren vom Rande des Platzes her ein paar grölende Stimmen zu hören. Es meldete sich dort – unter einer schwarzweißroten Fahne marschierend – ein Trüppchen, das etwas dagegen hatte und zum Stören gekommen war. Auch einige extrem-linke junge Burschen machten ein bißchen Krawall. Das erboste einige Umstehende, die ihren Bürgermeister hören wollten. Die Polizei griff sich aber rasch den Lautesten und brachte ihn weg. „Typisch“, sagte sein Kampfgenosse, „das ist nun Freiheit.“ Ein Hamburger Arbeiter nahm sich die Freiheit, ihm zu antworten: „Nun halt’ mal die Klappe.“ Und dann waren auch die Redner deutlich zu hören.