Es ist schon ein öffentliches Ärgernis: die gültigen deutschen Wollbezeichnungs-Grundsätze sind mißverständlich und vieldeutig. Seit sie im April 1958 ergänzt und erweitert wurden, hat die Unklarheit noch zugenommen. Von den gegenwärtig zugelassenen vier Gruopenbezeichnungen „wollhaltig“, „Wollgemisch“, „Wolle“ und „reine Wolle“ ist nur die letzte geeignet, bei der Mehrzahl der Verbraucher einigermaßen klare Vorstellungen über den tatsächlichen Wollgehalt zu erwecken. Wenn man nach der Bedeutung der anderen Bezeichnungen fragt, dann hört man sowohl bei Verbrauchern als auch bei dem Verkaufspersonal die verschiedensten Ansichten.

Wer kommt auch schon auf den Gedanken, daß ein als „Wolle“ bezeichnetes Stück bis zu einem Drittel seines Gewichts aus anderen Spinnstoffen hergestellt sein darf und daß bei „Wollgemisch“ unter Berücksichtigung der zugelassenen Toleranzen nur 42 v. H. Wollanteil und bei „wollhaltig“ nur 15 v. H. verlangt werden können. Hinzu kommt, daß sich alle vier Bezeichnungen sowohl auf Schurwolle als auch auf Reißwolle, Gerberwolle, Kämmlinge und Zugabrisse beziehen und so billige und häufig minderwertige Reißwollartikel unter dem Etikett reiner Wolle angeboten werden.

Der Bundeswirtschaftsminister will sich nun mit diesem unerfreulichen Tatbestand nicht länger abfinden. Er hat sich jetzt an die Deutsche Wollvereinigung gewandt und dringend die Ausarbeitung verbesserter Bezeichnungs-Grundsitze gefordert. Er verlangte eine die deutschen Verbraucher zufriedenstellende Lösung.

Prof. Erhard ist offenbar zu der Überzeugung gekommen, daß er künftig entsprechende Anfragen im Parlament nicht mehr allein mit dem Hinweis auf internationale Verhandlungen und die Vorbereitung einheitlicher Pflege- und Behandlungsvorschriften beantworten kann. Auch die Schwierigkeit einer einwandfreien Unterscheidung von Schurwolle und Reißwolle entbindet nicht von der Notwendigkeit, im Interesse der Verbraucher hier endlich klare Verhältnisse zu schafen.

Vor genau einem Jahr noch war es ganz anders. Damals hatte der Bundeswirtschaftsminister im Namen der Regierung auf eine „kleine Anfrage“ der Opposition mitgeteilt, er halte die Bezeichnungsgrundsätze für Wolle und Willerzeugnisse für ausreichend. Er erklärte, die Angabe der in einem Textilerzeugnis verarbeiteten Rohstoffe oder ihres Mischverhältnisses würde dem Verbraucher nur sehr geringen Nutzen bringen, insbesondere ihm keine geeignete Beurteilungsgrundlage beim Kauf solcher Erzeugnisse an die Hand geben. Die rohstoffmäßige Zusammensetzung von Textilien habe für deren Qualität und Gebrauchsfähigkeit bei dem heutigen Stand der Fertigung nur einen minimalen Aussagewert. Optimistisch verwies er auch noch auf in Kürze bevorstehende Einführung von Wasch- und Pflegeanleitungen für Textilien auf europäischer Ebene, mit denen dem Interesse des Verbrauchers mehr gedient sei.

Diese Behandlungsvorschriften sind allerdings bis heute noch nicht erschienen. Niemand kann sagen, wann dies einmal geschehen wird. Aber selbst dann, wenn die Vorschriften über das „care Labeling“ vorliegen werden, kann es sich immer nur um Richtlinien handeln, durch die kein Hersteller oder Händler gezwungen wird, die entsprechenden Etiketten oder Stempel auch tatsächlich zu verwenden. Wie nun ist der plötzliche ministerielle Sinneswandel zu erklären?

Die bereits in zahlreichen anderen Ländern bestehende Kennzeichnungspflicht für Textilien erfordert dringend eine entsprechende Etikettierung der für den Export bestimmten Erzeugnisse. In den USA zum Beispiel – wohin die deutschen Textilproduzenten immerhin jährlich für einige Millionen DM exportieren – ist Anfang März ein Gesetz in Kraft getreten, wonach sämtliche Textilien eine Etikettierung haben müssen, aus der die Spinnstoffart und bei Mischungen der genaue Prozentsatz der verwendeten Materialien ersichtlich sind. Diese Warenkennzeichnung hat auf jeder Produktionsstufe zu erfolgen, also bereits beim Spinner, Weber, Konfektionär und schließlich auch beim Einzelhandel. Darüber hinaus besteht volle Auskunftspflicht. Der Handel muß über seine Lieferanten sowie über den Spinnstoffgehalt ihrer Waren genau Buch führen. Bei den eingeführten Textilien wird in den USA der Importeur für die wahrheitsgemäße Spinnstoffangabe voll verantwortlich gemacht. Dabei waren schon die bisherigen, seit zwanzig Jahren in Amerika gesetzlich vorgeschriebenen Kennzeichnungen von Wollwaren, Seiden-, Leinen-, Zellwoll- und Acetaterzeugnissen wesentlich weitreichender und auch schärfer als z. B. die deutschen Bezeichnungsgrundsätze.